Was ist Freimaurerei: 

Verein - Loge - Spiritualität?

Was machen wir Freimaurer nun, wenn wir uns zum Ritual - einer sogenannten „Tempelarbeit“ treffen?


Die Freimaurerei ist so vielfältig und profund, dass sie in jeder Epoche philosophische und gesellschaftliche Entwicklungen und Bedürfnisse aufnahm, ernst nahm und weiter entwickelte. In der Epoche der Aufklärung waren eben das freie Denken und die Gleichheit und Brüderlichkeit untereinander, sowie das lebendige Anwenden der aufklärerischen Ideale wie Toleranz, Mitmenschlichkeit, selbstbewusster Gebrauch der Vernunft und Humanität im Vordergrund. Das war damals neu und wichtig als ein gesellschaftlicher Aufbruch und Neubeginn.
Heute hat sich das Vernunft-Verdikt ein wenig abgenutzt und wurde an vielen Stellen von sich selbst überholt in Form von überpräsenter Wissenschaftlichkeit, Rationalisierung und einem allzeit drückenden Leistungsprinzip. Das Gefühl wächst, dass etwas fehlt, dass eine neue Entwicklung ansteht, von der aber noch keiner so recht weiß, wie sie aussehen soll. Irgendwie geht es in Richtung Emotionen, Sinnhaftigkeit, tiefere seelische Bedeutung der Dinge, tieferes Verständnis von einem selbst und von der Welt. Eine große Verunsicherung ist spürbar, im inneren persönlichen Bereich, im Außen der sich überschlagenden weltweiten Ereignisse, Kriege, Krisen, Seuchen. Wo findet man da Halt? Gerade in unserer heutigen Zeit wächst so wieder zunehmend das Interesse an spirituellen Dingen. Viele Menschen sind auf einer inneren geistigen, metaphysischen Sinnsuche. Nicht zuletzt auch das immer häufiger werdende Auftreten psychischer und geistiger Erkrankungen lenkt unsere Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche Lücken gerade in diesem Bereich…


Das Ritual der Freimaurer hat neben den Idealen der Aufklärung auf seine ganz eigene Weise eine seelisch-geistige Tradition, eine spirituelle Weisheit bewahrt, die zum einen uralt, zum anderen zeitlos und heute wieder hochaktuell ist. Hier hat sie Gemeinsamkeiten und Parallelen mit den mystischen Traditionen aller Zeiten und Kulturen, so mit den Sufis im Islam, der Kabbala im Judentum, dem Buddhismus, dem Tarot, usw. Doch sie ist eine originär europäische Tradition, eine der wenigen, die die seelisch mageren Zeiten des Rationalismus überdauert und uraltes metaphysisches Wissen unseres Kulturkreises bewahrt hat. Dieses wird im Ritual, der sog. „Tempelarbeit“ im Anwenden weiter gegeben. 


Hier sind wir auch an dem Punkt, warum die Freimaurerei seit jeher als „geheimnisvoll“, auch „unheimlich“ oder „geheimnistuerisch“ angesehen wurde. Was haben die Freimaurer zu verbergen, so fragte man sich, dass sie nicht in der Öffentlichkeit auftreten, und zu ihren Versammlungen nur eingeweihte Mitglieder zulassen? Was tun sie da, dass sie nicht darüber reden? Die Lösung ist hier ganz einfach - wie so oft - und hat nichts mit Weltverschwörung, toten Katzen oder geheimen Informationen über Templerschätze zu tun. (Diese Gerüchte zeugen allein von der geistigen Beschränktheit ihrer Erfinder…). Jeder, der sich schon einmal spirituell betätigt hat, sei es traditionell in der Kirche, oder im Meditationskurs, beim Anblick eines Sonnenaufgangs, weiß, dass hier etwas spürbar wird, dass eben nicht immer RATIONAL ERKLÄRBAR ist und ÜBER REIN RATIONALE Weitergabe von Wissen funktioniert. Hier wird Wissen, Weisheit, Tradition, Erkenntnis nonverbal weiter gegeben - im Tun. Für uns heute eine exotische Vorstellung. Dass etwas nicht über Schrift, Buch, Sprache vermittelt wird. Dass man eben nicht alles im Buch oder im Internet nachlesen kann. Früher ganz gebräuchlich. In Zeiten, als die wenigsten Menschen Schreiben und Lesen konnten, wurde das Wissen der Alten genau auf diese Weise, nonverbal und im unmittelbaren Erleben, weiter gegeben. (Vergleiche u.a. die alten Mysterienkulte der Ägypter und Griechen.) Und so hält es die Freimaurerei bis heute.


Nicht aus Traditionalismus - sondern aus dem einfachen Grund, dass das eigentliche Erlebnis im Tempel, im Ritual eben nicht rational und mit Worten ausgedrückt und vermittelt werden kann. Sie können sich verschiedene Freimaurer-Rituale im Internet durchlesen, und Sie werden trotzdem nicht spürbar haben, was eigentlich im Tempel passiert. Und dennoch wissen wir als Freimaurer, in unserem Freimaurer-Ritual, genau, was wir tun. Paradox, nicht wahr? - Nicht wirklich. Nur aus rationaler Sicht. Ich verrate Ihnen die Lösung: Wir wissen es - auf eine andere Weise - in unserem Herzen. 


So tritt man einer Loge eben auch nicht einfach bei wie dem Schach-Verein. Wir sind eine Loge, und das ist ein bißchen was anderes als „nur ein Verein“. Nach alter Tradition wird man in eine Freimaurerloge aufgenommen, indem man in einem feierlichen Ritual von anderen Freimaurern als Lehrling eingeweiht, initiiert wird - deshalb sind wir ein Initiationsbund. Diese Einweihung gilt dann logischerweise auch lebenslang, selbst wenn man irgendwann keiner Loge mehr angehören sollte. Das Erleben dabei ist sehr persönlich, sehr berührend, ist einem selbst als Erinnerung wertvoll und - ja, man kann sagen - heilig. Auch deshalb reden wir nicht darüber. Die Loge ist für uns ein geschützter Raum, in dem wir zum einen die Regeln des gehobenen, gepflegten Umgangs miteinander achten - zum anderen unsere geistigen und seelischen Fähigkeiten frei entfalten wollen und können.

Es gibt keine Dogmen, keine Denkvorgaben. Jeder bringt seinen freien Geist und sein freies Herz ein, so viel er möchte und kann. Wir haben deshalb auch keine Meinungsgleichmacherei. Jeder Freimaurer hat seine eigene Meinung und Auffassung vom Leben und von der Freimaurerei. Gut möglich, dass der ein oder andere Bruder, die ein oder andere Schwester eine andere Meinung hat, als ich.

Wir sind eine Gemeinschaft von Individualisten - wir erproben Gesellschaft, Gemeinschaft, Brüderlichkeit, ohne uns selbst aufzugeben. Wir stehen aufrecht, und reichen uns dabei die Hände. Und wenn wir dann wieder „in die Welt hinaus“ gehen, wirken wir aus uns heraus, ohne unbedingt ständig betonen zu müssen, dass wir einer Loge angehören oder uns spirituell und humanistisch betätigen. Jeder tut sein Möglichstes, um die Welt im Sinne der freimaurerischen Ideale ein wenig zu verbessern - das macht jeder nach seinen Möglichkeiten. Der Verkäufer ist vielleicht bemüht, ein wenig netter und freundlicher zu seinen Kunden zu sein als das gewöhnlich der Fall ist, der Lehrer sorgt mit einem offenerem, toleranteren Blick für seine Schüler, der Chef versucht, fair und menschlich zu seinen Angestellten zu sein, der Sozialarbeiter sieht in einem noch so prekären Fall ganz im Hintergrund das Licht, das jeder Mensch irgendwo in sich trägt. So ist für uns die Loge immer wieder auch ein Aufatmen vom Alltag, ein freies Sein und Denken unter Schwestern und Brüdern, man kann sich geben, wie man ist und hat Zeit, über sich selbst nachzudenken, nach zu fühlen. Wie geht es mir? Was habe ich in letzter Zeit getan, was war richtig, was war falsch? Was kann ich verbessern? Philosophische und spirituelle Impulse geben Anlass zum Nachdenken. - Diese Reflexionen nennen wir „die Arbeit am rauen Stein“. Wir selbst sind die rauen, unbehauenen Steine. Niemand darf an uns rumklopfen, außer wir selbst. Wenn wir uns von unseren Ecken und Kanten, die einem guten und mitmenschlichen Miteinander abträglich sind, befreit haben, passen wir - das ist unser philosophisches Ziel - in den großen Tempelbau der Gesellschaft, ohne andere Steine zu verletzen oder zu behindern, sondern wir bilden in Harmonie mit ihnen ein großes tragfähiges Gebäude der Menschheit, in dem Weisheit, Schönheit und Liebe sich entfalten können. 


Im eben Gesagten sehen Sie, wie wir Freimaurer bestimmte Inhalte oft ausdrücken, nämlich in Form von Symbolen. Auch dies ist eine uralte Form der Wissensvermittlung. (Wer literarische, philosophische oder theologische Texte des Mittelalters und der Renaissance kennt, dem wird dieses „Sprechen in Symbolen“ bekannt vorkommen.) Über Symbole, also Bildersprache, wurden in allen Zeiten bestimmte Inhalte philosophischer und metaphysischer Natur festgehalten und weiter vermittelt. Unsere Symbole stammen zum Großteil aus den Steinmetzbruderschaften der mittelalterlichen Dombauhütten, also aus handwerklicher Symbolik. Jedes Symbol ist im übertragenen Sinne ein philosophisches Schatzkästchen, in dem eine ungeahnte Tiefe und unerwartete Erkenntnisse schlummern - die man sich aber selbst erarbeiten muss. Sie sehen - bei uns kriegen Sie nix geschenkt, was den Vorteil hat, dass Sie dann jedenfalls nicht mit ungebetenen Geschenken herumlaufen müssen. Wenn man Freimaurer werden will, wenn man Freimaurer geworden ist, erarbeitet man sich die Dinge selbst. Deshalb missionieren wir nicht, wir gehen auch nicht mit einer Anmeldeliste herum. Doch wer ernsthaftes Interesse mitbringt, und dieses einem Freimaurer gegenüber äußert, wird offene Ohren und Türen finden.