Über die Demut

Einige unverbindliche Gedanken zu einer Tugend, der öffentlich wenig Beachtung geschenkt wird - der Demut. Es ist nicht einmal ganz klar, ob unter diesem Wort jeder dasselbe versteht. ‚Demut‘ hat einen doppelten Klang. Vor allem, wenn die ersten unwillkürlichen Assoziationen an das Bild eines mittelalterlichen Predigers erinnern lassen, der über Demut referiert um seine eigene Autorität zu festigen und wie es sprichwörtlich hieß: Wasser predigt und Wein trinkt.
Ich möchte nicht, dass mir dies auch passiert. Die meisten von Ihnen können auf einen größeren Erfahrungsschatz des Lebens zurückgreifen als ich es vielleicht vermag und so sage ich vorweg, dass meine hier vorgebrachten Gedanken unverbindlicher Natur sind, die vielleicht Ihren eigenen Geist anregen können; sodass ein Austausch möglich wird und wir alle voneinander profitieren. 


Doch nun zum eigentlichen Thema: Der Begriff der Demut wirkt meiner Ansicht nach heutzutage eher ein wenig drückend. Wer demütig ist, still ist, wird schnell belächelt und übergangen. Er erscheint einigen als würdelos, ohne Rückgrat. So, als wäre Demut ein Mangel an Zuversicht, die paralysiert anstatt aktiv das Leben zu bewegen. Vincent van Gogh fragte: „Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut etwas zu riskieren“ und die Fragestellung halte ich für äußerst
gerechtfertigt. Doch stehen Demut und Mut überhaupt in Beziehung zueinander? So blicken wir doch erst einmal auf die historische Bedeutung und Wortherkunft. Im Althochdeutschen bezeichnet Demut die Gesinnung eines Dienenden. Dies wird heute oft als Bereitschaft verstanden, etwas als gegeben hinzunehmen, nicht darüber zu klagen und sich selbst als unwichtig zu betrachten. In unserer modernen Welt, voller Individualismus, Streben nach  persönlicher Freiheit und bekämpfen von Unterdrückung kann man sich doch nicht als unwichtig erachten. Oder? Ist es nicht Kern unseres eigenen Ego’s stets bemüht zu sein einen eigenen Weg zu finden? Sich selbst zu definieren? Diese Freiheiten sind gesellschaftlich hart erkämpft worden und so ist es für mich nachvollziehbar, dass das demütige Leben bei einer Erörterung mit einem gewissen Argwohn betrachtet wird.


Die althochdeutsche Bezeichnung scheint also erst einmal einem selbstbestimmten Leben, in dem man den Mut hat sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, zu widersprechen. Doch scheint mir auch, dass diese Gedanken aus einem, in unseren Breitenkreisen längst beendeten Kampf entwachsen sind. Die Unterdrückung großer Bevölkerungskreise durch eine übermächtige Kircheninstutution, feudalem Staat oder anderen derartigen unterjochenden Zwängen ist eigentlich in Europa weitestgehend vorüber. Daher lassen wir den letzten Teil der historischen Bedeutung, der eigene Wertlosigkeit formuliert
–zumindest scheinbar- weg und halten erst inmal fest: Demut ist, die Bereitschaft etwas als gegeben anzuerkennen. Diese Bereitschaft oder die Fähigkeit dazu steht in einer langen philosophischen Tradition. Friedrich Schiller sagte dazu in seinem Essay ‚Über das Erhabene‘ „Wohl dem Menschen, wenn er gelernt hat, zu ertragen, was er nicht ändern kann, und preiszugeben mit Würde, was er nicht retten kann.“ Der US-amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr formulierte daraus die heute sehr verbreitete Form des Gelassenheitsgebetes. Gott, gib mir dir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den
Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.


Damit nähern wir uns einem modernerem Verständnis der Demut, welches eine realistische Selbsteinschätzung der eigenen menschlichen Fähigkeiten einbezieht und all jenes würdigt, was wir nicht verstehen können. In moderner, christlicher Sprache ist Demut: Die Anerkennung der eigenen Position im Vergleich zu der Gottes. Die Gesinnung des Dienenden bezieht sich dabei auf etwas Höheres, oder auch Metaphysisches. Darin liegt kein Empfinden von Unwürdigkeit oder Wertlosigkeit im Vergleich zweier Menschen, sondern eher eine Unwichtigkeit im Vergleich zu den großen Prinzipien des Lebens. Und
manchmal so scheint mir, nehmen wir Menschen uns viel zu ernst. Aus Diskussionen mit unterschiedlichen Ansichten werden in Beruf, Familie, Freizeit regelrechte Streitgespräche erzeugt, wobei die Ansicht Anderer doch meist keinerlei existenzielle Relevanz für uns hat. Und auch wo keiner eine Antwort weiß, will man ja positioniert sein und es wird versucht dem Gegenüber nicht nur zu überzeugen, sondern auch zu formen, als wüsste man selbst den richtigen Weg und der andere irre. Anstatt einfach zuzuhören und die andere Meinung mit Gelassenheit hinzunehmen. 


Kritik zuzulassen und dem Gegenüber Überzeugungsraum zu geben. Nach Kant, der sich bewusst von kirchlich-mittelalterlichen Ausdrücken distanzierte, ist Demut „die Vergleichung des eigenen Wertes mit der (moralischen) Vollkommenheit“. Es handelt sich also um die Akzeptanz, dass es etwas Höheres als dass eigene Selbst gibt. Sei es in Bereichen des Wissens oder eher des Wissen-Könnens, der existentiell eingeschränkten Möglichkeit eigenen Gestaltens oder auch Schöpfens in der irdischen Welt und schlussendlich die Erkenntnis im Vergleich mit dem Universalen klein zu sein. Kants Ausdruck, der sich selbst mit einer (moralischen) Vollkommenheit vergleichen lässt, inspiriert mich besonders. Denn eigene Vollkommenheit per se ist nie gewährleistet. Dazu soll zunächst ein
soziales Beispiel dienen: Andere Menschen vorurteilsfrei und emphatisch zu sehen wie sie sind, sehe ich als eine hohe Kunst und Voraussetzung für moralisches Handeln. Doch wie sehr man sich auch in einen anderen Menschen hineinversetzen möchte, wird es doch nie vollkommen gelingen. Man wird den Gegenüber nie in aller Facette und Vielfalt erkennen können. Dazu müsste man schon er selbst sein. Unsere Fähigkeiten Brücken zu anderen Menschen zu bauen sind schließlich begrenzt. Sie können nur mittels Worten gebildet werden, oder allgemeiner: mittels Einsatz sozialer Fertigkeiten. Glaube ich meinem
Gegenüber schnell zu durchschauen, zu erkennen und zu verstehen, vergleiche ich ihn unwillkürlich sofort mit meinen eigenen Erfahrungen, moralischen Prägungen und tue ihm damit schnell unrecht. Er ist ein eigenes Wesen und nicht Vergleichsobjekt mit meinen Werten und Erfahrungen, die, wenn
ich sie zur Referenz erklärte, gottgleich, anmaßend, ja hochmütig seien. Nur wenn meine Aufmerksamkeit bei meinem Gegenüber liegt, kann er mir sein Wesen offenbaren und man kann voneinander lernen und wachsen, dazu muss ich anerkennen, dass meine eigenen Weltbilder nicht universal, nicht allgemeingültig, nicht von tieferer Wahrheit als die eines anderen durchdrungen sind. Diese Anerkennung ist für mich Demut- und eine Voraussetzung für gelebte Toleranz auf gleicher Ebene.


Spinoza formulierte es folgendermaßen: „Demut ist, wenn jemand ohne Verlangen, hochgeachtet zu werden, seine Unvollkommenheit erkennt.“ Wohingegen die ersten Assoziationen zum Demutsbegriff zur ‚Demut vor Gott‘ hinausliefen, so zeigt das letzte Beispiel die ‚Demut füreinander‘, also die Demut gegenüber Mensch, die beinhaltet einander Raum zu geben, offen zu sein. Ich weiß nicht wie es kommt, dass man –oder vielleicht auch nur ich- den Anteil der Definition
‚Gesinnung eines Dienenden‘ zunächst mit Skepsis gegenüberstand und ‚Dienen‘ heutzutage oft als minderwertig und beugsam angesehen wird. Auch sind Demut und Demütigung weniger miteinander verknüpft, als die Worte es augenscheinlich nahelegen, da jemand zwar gedemütigt, nicht aber zu Demut gezwungen werden kann. Es ist ein Entwicklungsprozess der auf Freiwilligkeit beruht und eben schlichtweg das Dienen und nicht das Fordern in den Fokus nimmt. Im Dienen selbst steckt natürlich ein gehöriges Maß an Zurücknahme eigenen Willens und auch Interessen, doch erfolgt diese Zurücknahme nicht fernbestimmt. Sie erfolgt aus eigenem Antrieb und für den Demütigen machen nicht Besitz und Ansehen das Glück aus, sondern das Aufbringen von Kraft und Lebenszeit für die, die es brauchen. So zum Wohle der Familie, der Freunde, der Gemeinschaft. Es ist ausgesprochener Mut zu dienen, für einen Zweck, der als höher als das eigene Selbst erachtet wird.


Demut ist hier alles andere als passiv und paralysierend. Sie bedeutet nicht Resignation, als sei man ein wertloses Nichts, sondern erkennt einen höheren Zweck, der eigene aktive Mitarbeit einschließt. So wird Demut zu einem Antriebsfaktor für soziales Engagement und führt weg von den individuellen, kleinen Starrheiten, weg von dem Kampf um Anerkennung und persönlichen, unbedeutenden Begehrlichkeiten und Eitelkeiten, hin zu einem  verantwortungsbewusstem Mitglied eines Größeren, einer Gemeinschaft, einer einzigartigen Welt. [Wolfgang Heilmann] Sind wir demütig und positionieren uns im Vergleich zu Gott- oder wie Sie persönlich es gern bezeichnen würden-, kommen wir zu dem nächsten Aspekt, den Demut hervorbringen kann: Die
Bewunderung der Schöpfung. Damit verbinde ich das Verharren im Moment und die Fähigkeit des Staunens. Des Staunens darüber, dass die Welt ist, wie die Welt ist. Der Moment des Staunens über die Wunder der Schöpfung, die Funktionsweise der Natur, ist für mich der anfängliche Moment des Erkennens. Wie das Leben zusammenspielt und miteinander wechselseitig wirkt, wie sprichwörtlich der Flügelschlag eines Schmetterlings die Welt verändern kann und jedes noch so kleine Rädchen ein Teil des Ganzen ist- und wir es folglich als menschliche Wesen mit jeder Handlung beeinflussen. Obgleich wir die Kausalitätsketten meist nicht nachvollziehen können. Der Gegensatz von Demut sind Überheblichkeit, Hochmut und Hybris, als superbia eine der sieben Todsünden. Der Hochmütige glaubt, die Welt gehöre ihm, trotz, dass auch er nicht alle Kausalketten verstehen kann, ist er überzeugt mehr bewirken zu können, als es seinen tatsächlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten entspricht. Er glaubt jede Belastung aus eigener Kraft begegnen zu können und fällt umso tiefer, wenn sich diese Einstellung durch einen Schicksalsschlag als Illusion erweist. Hochmut oder moderner: Arroganz führt zu Abstand zu anderen Menschen und macht sich dennoch von ihrer Bewunderung abhängig. Im Gegensatz, der Demut, liegt kein Vergleich zu anderen Menschen. Kein besser oder schlechter. Im Vergleich mit Gott, oder der moralischen Vollkommenheit geht es nicht darum besser zu sein als jemand anderes, sondern eher jeden Tag ein wenig besser zu sein, als man es gestern war und Demut beinhaltet somit auch das Streben nach dem Höheren, nicht nach dem Höchsten. 


Hochmut ist Gift und „Demut ist das Gegengift des Stolzes“ (Voltaire). (Wobei Stolz heute auch ein wenig anders, gedämpfter besetzt ist.) Und so wurde schon im Römischen Reich versucht, den Menschen vor der Selbstüberschätzung zu warnen. Den triumphierenden römischen Feldherren rief der Staatsdiener zu: „Memento hominem esse!“, „Gedenke, dass du nur ein Mensch bist!“. Ich habe jetzt bereits verschiedene Aspekte des Demutbegriffes beleuchtet. Doch ist es nicht ausreichend zu versuchen diese sogenannte ‚Alte Tugend‘ zu rehabilitieren. Es sollten durchaus auch den Bekämpfern des Demutbegriffes Raum gegeben werden. Wie bereits erwähnt kann Demut auch als Bereitschaft zur Unterwürfigkeit aufgefasst werden. Oder als Angst, sich zu wehren. „Der getretene Wurm krümmt sich.“ meinte Nietzsche. „Er verringert damit die Wahrscheinlichkeit, von neuem getreten zu werden. In der Sprache der Moral: Demut.“ Ist in dem Bilde das Krümmen des Wurmes nun Vernunft sich zu schützen oder fehlende Willenskraft sich zu wehren? Ist es eine Form von Demut, Demütigung zuzulassen? Also doch Resignation und Hoffnungslosigkeit, die mit dieser Tugend einhergeht? Oder in welchem Kontext erschuf er dieses Bild? Nietzsche waren „all jene Moralen zuwider, welche sagen: Tu dies nicht! Entsage!“ Also jegliche Moralen, die einschränkten. Hingegen seien ihm all jene gut, „die antreiben, etwas zu tun und wieder zu tun und von früh bis Abend, und nachts davon zu träumen, und an gar nichts zu denken als: dies gut zu tun, so gut es eben […] möglich ist!“ Gegen die bisherige Erörterung könnte er also möglicherweise gar nichts einzuwenden haben, sofern man bedenkt, was bei dem Sinnen über alle Tugenden zu bedenken gilt. Nämlich sie im richtigen Maße abzuwägen, nie auf nur eine Tugend oder auch Fähigkeit seiner selbst zu bauen. Das demütige Denken fördern zu wollen kann also nur in einer Zeit geschehen die voller Hochmut ist. Wie andersherum. Vielleicht waren die vergangenen Zeiten, in denen der Kirche die Definitionshoheit der Demut entwunden wurde, Zeiten voller Kopfsenkender, oder: krümmender Würmer –wie Nietzsche meinte.


Und in welcher Zeit leben wir jetzt? Was überwiegt in der Gesellschaft? In unserem persönlichen Leben und Denken? Sind wir die Herren der Welt? Bestimmen wir maßgeblich das Geschehen um uns herum oder trauen wir uns oft nicht unser Leben in die eigene Hand zu nehmen? Es zu verändern, obwohl wir merken, dass etwas nicht stimmt. Können wir die Schöpfung, das Sein an sich, bewundern? Es respektieren und schätzen? Oder missachten wir sie? Die vielen Existenzen und Lebenswelten, außerhalb unseres Selbst. Die Natur. Leben wir nicht in einer Zeit, in der global auf Basis von reinem Egoismus die Umwelt nachhaltig geschädigt wird und missachten wir dadurch nicht nur die bestehenden Existenzen wie auch die noch kommenden? Von immerwährender Missachtung der Menschlichkeit ganz zu schweigen. Bräuchte die Menschheit für eine globale, vernünftige Handlungsweise nicht ein wenig mehr Demut,
Respekt vor anderen, Erkenntnis der eigenen Beschränktheit? Und wie steht es mit uns ganz privat, in der Familie, im Beruf? Dass kann jeder nur für sich selbst beantworten. Eine generelle Antwort ist selbstverständlich nicht erbringbar. Doch ganz fiktiv: Jemand, der viel Macht hat –also die Fähigkeit viel zu bewirken (und ob er diese Macht will oder nicht). Sei es über Atomwaffen oder einfach über überlebensnotwendige Grundversorgung von Millionen von Menschen. Sollte ein Solcher nicht über die Fähigkeit der Demut geschult sein?


Doch es bleibt noch viel offen. Was ist mit falscher Demut? Kann man auf seine Demut stolz sein? Inwiefern verkehrt sie sich dann als Heuchelei und ist der Hybris gar nicht so fern.