Vorträge

Um die Vielfalt der Freimaurerei und ebenso die Vielfalt unserer Loge zu illustrieren, haben wir hier einige auf Gästeabenden gehaltene Vorträge zusammengestellt. Wir weisen darauf hin, daß jeder Freimaurer seine ganz persönliche Sicht auf die Freimaurerei hat - die im folgenden geäußerten Meinungen sind also keine Dogmen, sondern die persönlichen Auffassungen des jeweiligen Autors. Sie können somit auch der Meinung eines anderen Bruders bzw. einer anderen Schwester widersprechen - sie sind also immer offen für Kritik und konstruktive Diskussionen.

"Melencolia I" von Albrecht Dürer, Kupferstich, 1514

Gästabend vom:

05.06.2009Gotische Dombauhütten
11.04.2008Toleranz im Islam
07.09.2007Die Bearbeitung des Steines
13.04.2007Vortrag zur Lichteinbringung
16.02.2007Das Ritual - Relikt, Notwendigkeit oder Tor zu Höherem?
21.04.2006Humanität und Freimaurerei
19.05.2005Toleranz und Freimaurerei
04.12.2004Das weibliche und das männliche Prinzip in der Freimaurerei
28.09.2004Ist Geiz geil?
25.03.2004Freimaurerei zwischen Tradition und Fortschritt
18.10.2002Die Freimaurer: Ein alter Weisheitsbund für die moderne Zeit

Vortrag zur Lichteinbringung

von Sr. Christiane und Br. Cliff

Liebe Zuhörer!

Ich heiße Sie herzlich willkommen zum Vortragsabend anläßlich der Gründung unserer Freimaurerloge "Neue Werkstatt". Sicher werden Sie sich schon gefragt haben, warum in der Ankündung explizit die Formulierung "für Männer und Frauen" auftauchte. Ganz einfach: unter den Freimaurerlogen gibt es solche, in der nur Männer Mitglied werden können (das ist die in Deutschland verbreiteste Form ), - oder eben solche, in denen Männer und Frauen gemeinsam arbeiten. In unserer schönen Stadt Leipzig gibt es bisher einige reine Männerlogen, und wir, die "Neue Werkstatt" sind nun die erste Loge für Männer und Frauen - in Leipzig, und darüber hinaus in den gesamten ostdeutschen Bundesländern.

Am morgigen Samstag wird , nach fünfjähriger Vorbereitung, die offizielle Gründungsfeierlichkeit stattfinden, zu der Freimaurer aus ganz Deutschland, Polen, Tschechien, Österreich und Frankreich anreisen werden. Dies nahmen wir zum Anlaß, um auch die leipziger Öffentlichkeit mit einemVortragsabend zu informieren.

Informieren möchten wir dabei nicht nur über unsere neue Loge, sondern darüber hinaus auch über die Freimaurerei im allgemeinen:

So viel hört man derzeit über Freimaurer - Sendungen im Radio über Mozart und die Zauberflöte, Kinofilme über Jack the Ripper oder Leonardo da Vinci, pseudowissenschaftliche Reportagen über die Illuminati oder die Templer usw. usw. Das wenigste davon ist wahr. All diese Gerüchte und Spekulationen kann man als Freimaurer ignorieren, oder sich darüber amüsieren - oder man beschließt, diesem Wust von lustigen Erfindungen ab und an ein wenig fundierte Information entgegenzusetzen.

Was wir hiermit tun.

Wir möchten Sie also heute abend informieren

  1. zu den historischen Wurzeln der Freimaurerei allgemein,
  2. kurz auf den rituellen und symbolischen Charakter der Freimaurerei eingehen
  3. schließlich die Entstehung unserer Loge "Neue Werkstatt" beschreiben und
  4. die Frage stellen: welche Bedeutung Freimaurerei heute hat / noch hat / wieder hat?

Und ganz besonders danken wir der Gruppe "Shirelanders" für die musikalische Umrahmung.

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Begeben wir uns nun auf einen kurzen Exkurs in die Historie der Freimaurerei.

Eines muß man dabei bedenken: die ersten schriftlichen Zeugnisse unseres Bundes gibt es erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts, genauer seit der Gründung der ersten Großloge der sog. "Free-Masons" in London im Jahre 1717.

Doch die Wurzeln der Freimaurerei beginnen früher und speisen sich aus vielfältigen Quellen, die man oft nur z.T. rekonstruieren kann. Aber es gibt bestimmte Parallelen, bestimmte gesammteuropäische Traditionen, die offensichtlich Einfluß hatten.

So möchte ich nun, ohne immer einen Anspruch auf wissenschaftliche Nachweisbarkeit zu erheben, auf jene uralten Quellen eingehen, deren Spuren man noch heute im fm. Ritual und Denken findet.

Wir begeben uns nun also auf recht spekulativen Boden - doch ich möchte Ihnen anhand dieses dünnen historischen Fadens, an dem wir uns nun in die Tiefe der Geschichte hinablassen, doch einige Grundideen der FM erklären, die gleichsam als Knotenpunkte am Weg der abendländischen Geschichte auftauchen.

Ich bitte Sie, mir zu folgen:

Beginnen wir sozusagen beim "Urknall" ...

Wo? Natürlich: die Bibel. In der Freimaurerei gibt es die zentrale Legende des Salomonischen Tempels.

Zum einen steht er für ein ideelles Gedankengebäude, dem sog. "Tempel der Humanität". Symbolisch baut jeder Freimaurer an diesem Tempel mit, indem er seinen eigenen unvollkommenen Stein (d.h. sein Selbst) so bearbeitet, daß er sich möglichst harmonisch in das Gebäude einfügt. Andererseits verbindet man mit diesem Tempel auch den König Salomon, der der Legende nach der weiseste Mann war, der je gelebt hatte, da er die Weisheit von Gott selbst erbeten und von ihm geschenkt bekommen hatte. So ist König Salomon auch gleichzeitig eine Symbolfigur, ein Vorbild: denn der Freimaurer strebt danach, sein Leben möglichst weise und in Harmonie mit seinen Mitmenschen und den kosmischen Kräften zu gestalten. Freimaurer werden heißt nicht, die Weisheit mit Löffeln zu fressen - es heißt, sich auf den Weg dorthin zu begeben.

Bleiben wir noch kurz beim Tempel des alttestamentlichen Königs: zu welchem Zweck wurde er eigentlich gebaut? Natürlich, um die Bundeslade zu beherbergen, in denen die Tafeln mit den 10 Geboten ruhten. Diese hatte das Volk Israel seit Moses? Lebtagen immer mit sich herumgetragen, durch Kriege und Wanderungen, sie wurde geraubt, wiedererobert, ging verlohren und wurde wiedergefunden. Als nun Salomon König wurde, herrschten zum ersten Mal friedlichere Zeiten, und er beschloß, der Irrfahrt der Gesetzestafeln ein Ende zu machen und sie in einem Tempel aufzubewahren, der so groß und prächtig sein sollte wie noch keiner zuvor. Doch was machte diese Tafeln nun eigentlich so wertvoll? Sie gaben den Menschen zum ersten Mal so etwas wie Regeln des Zusammenlebens und des Verhaltens gegenüber der Gottheit. Lassen wir den explizit jüdisch-christlichen Gott einmal beseite, und gehen wir einmal von einer allgemeinen Kraft aus, die dem Menschen übergeordnet ist (d.h. vollkommener ist als er), so ergibt sich aus dem Erhalten der Gesetzestafeln durch eine göttliche Macht eine durchgreifende Konsequenz: der Mensch tritt in bewußte Relation zu seiner Umwelt. Dabei ergeben sich zwei Achsen: zum einen die vertikale Ebene. Durch den Kontakt mit dem Göttlichen und den zu befolgenden Regeln ergibt sich für den Menschen nun die Möglichkeit, nach etwas Höherem als sich selbst zu streben, über sich hinauszuwachsen, d.h. sich auf mystischer Ebene zu vervollkommnen. Zum anderen aber hat er nun auch Gesetze, um auf der horizontalen Achse, d.h. mit seinesgleichen, seinen Mitmenschen weise umzugehen, d.h. sich auf sozialer Ebene zu vervollkommnen.

Hier finden wir auch zwei Ursymbole: Die Dualität von himmlischer und irdischer Sphäre. In der antiken Tradition symbolisiert das Quadrat die Materie, die Erde - wohingegen der Kreis in seinem vollkommenen Rund den Himmel und die spirituelle Welt darstellt. Welche Werkezeuge braucht man, um Kreis und Quadrat herzustellen? Für das Quadrat nimmt man ein Winkelmaß - mit ihm kann man sowohl gerade Linien ziehen, als auch den rechten Winkel bestimmen. Für den Kreis nimmt man den Zirkel. Nimmt man beide für sich, bilden sie jeweils ein Dreieck (wenn man von einem geöffneten Zirkel ausgeht), legt man sie aber mit den jeweiligen Öffnungen zueinander, bilden sie das bekannte "Winkelmaß-und-Zirkel" - Symbol der Freimaurer. Damit soll gezeigt werden: Die Symbole der Freimaurerei sind z.T. uralt, z.T. aus anderen Traditionen übernommen - aber auf alle Fälle sind es universale Symbole, die sich in vielen Quellen wiederfinden, und die ebenso keine einseitige Bedeutung haben, sondern immer eine riesige Vielfalt, die jeder Freimaurer für sich selbst auch unterschiedlich interpretiert.

Freimaurerei ist ein Lichtkult. Das heißt, das Licht i.S.v. Erkenntnis, Erleuchtung, Weisheit, spielt eine zentrale Rolle. Schon aus den Isis- und Osiris- Kulten des alte Ägyptens sind uns derartige Lichtkulte bekannt: der Gott Osiris, von seinem Bruder getötet und von seiner Frau Isis und dem Sohn Horus wieder zum Leben erweckt, ist Symbol der Sonne, die jeden Tag erscheint und verschwindet, gleichsam also die Idee des Sterbens und Wiedergeborenwerdens. Dieses Sterben und Wiedergeborenwerden ist aber gleichzeitig auch der Weg, den ein Kandidat durchlaufen muß, um von den Priestern aufgenommen, eingeweiht zu werden - ein Prozeß der inneren Läuterung im Dunkel, bevor man durch äußere Kraft das Licht der Erkenntnis gschenkt bekommt.

Diese Form der Initiationskulte begleitet uns durch die ganze Antike. Initiationskult bedeutet, daß man, um am Kult teilzunehmen, durch die anderen Mitglieder eingeweiht wird, und damit einen abgeschlossenen Raum betritt, in dem einem bestimmte Kultgeheimnisse anvertraut werden, die bewahrt werden müssen, also gleichzeitig eine gewisse Verschwiegenheit vorraussetzen. Um dieses "Geheimnis", d.h. die damit verbundenen spirituellen Erlebnisse, Meditationen und auch philosophische Überlegungen zu schützen, umgibt man sich mit einer gewissen Abgeschlossenenheit. Dabei ergibt sich noch eine weitere Besonderheit: im Moment der Gemeinschaft im geschützten, rituellen Raum werden alle sozialen oder kulturellen Unterschiede der jeweiligen Mitglieder unwichtig - allein die charakterlichen und emotionalen Qualitäten zählen und alle befinden sich auf gleicher Ebene.

Diese Struktur begegnet uns nicht nur im alten Ägypten, sondern später in den eleusischen Mysterien im antiken Griechenland, die die Erdenmutter Demeter verehrten, dann um ca. 1200 v. Chr. im thrakischen Dionysos -Kult mit seinen rauschhaften Verwandlungen der Identität durch Weingenuß, Masken und Kostüme - bis hin zum Mithras - Kult in Persien, ( dessen bekannter Religionsstifter Zarathustra war), und dessen zentrales Element das Feuer, das Licht und die Sonne sind - im dualistischen Gegenspiel zum Dunklen, Bösen. Bereits hier, ca. 2000 v.Chr., findet sich die Dualität gut - böse , hell - dunkel.

Das Licht ist ein zentrales Symbol der Freimaurerei

All diese Kulte waren Initiationskulte. Ihre grundlegenden Strukturen wie Einweihungritus, Lichtsymbolik , Offenheit gegenüber verschiedenen Gottesvorstellungen,Verschwiegenheit, besondere Verbundenheit der Mitglieder, philosophische und spirtuelle Vervollkomnung des Einzelnen usw. findet man heute noch in diversen Arkandisziplinen (d.h. Geheimdisziplinen) u.a. der Freimaurerei.

Inwieweit die Reste dieser Kulte sich bis ins christliche Zeitalter hinein erhielten und Einfluß auf die abendländische Kultur nahmen, bleibt weitgehend unklar, doch findet man im Nahen Osten bis heute noch Traditionen wie die Sufis in der Türkei oder die Zoroasten im Iran , deren Traditionen ganz sicher in den alten Mysterienkulten liegen. Daß die Templer auf ihren Kreuzzügen mit diesen Kulten in Berührung kamen, wird oft behauptet. Daß sie die Bundeslade gefunden hätten, auch. -- Darauf möchte ich mich aber hier nicht einlassen. Klar ist, daß die ersten Templer, nach ihrer Rückkehr aus dem Heiligen Land, das größte und florierenste Handelsnetzwerk des Mittelalters aufbauten, bestehend aus gesicherten Straßen, bewachten Lagerhäusern und Komtureien, und dabei zu großem Reichtum gelangten. Daß sie damit schließlich auch Einfluß auf den zur damaligen Zeit erblühenden gotischen Baustil hatten, oder dieser gar aus einem im Orient erhaltenen geheimen Wissen heraus entstand, ist durchaus möglich.

Ob es wahr ist, daß nach dem Verbot der Templer und dem Tod ihres letzten Großmeisters Jaques de Molay (1309) einigen Rittern die Flucht nach Schottland gelang, wo sie ihre Riten und ihr Wissen bewahrten, welches schließlich in die britischen Anfänge der Freimaurerei einfloß, ist nicht bewiesen. Auszuschließen ist es jedoch ebensowenig. Auch der Tempelorden war ein Einweihungsritus und daß die Freimaurerei spirituelle Quellen besitzt, die lange vor der Zeit von 1717 und sogar lange vor den gotischen Dombauhütten liegen, ist zweifellos anzunehmen.

Der zweite wichtige Ursprung der FM liegt in den Bauhütten der Dombaumeister der Gotik. Im 12. Jahrhundert begann eine enorme Hochphase der Baukunst in Westeuropa, v.a. in Nordfrankreich. 1130 ließ ein gewisser Abt Suger in der Nähe von Paris, in Saint-Denis, die erste Kirche im gotischen Stil bauen. Ab da folgten bald andere Städte mit noch größeren und prächtigeren Kathedralen, wie Amiens, Rouen, Reims, Chartres und schließlich Notre-Dame de Paris. Am Bau der Kathedralen waren - außer Zimmerleuten, Dachdeckern, Gerüstbauern usw. - als die mit Stein arbeitenden Handwerker die rough masons, die eigendlichen Maurer, also die Steinleger; die hard heavers, die Steinbrecher ; und die für die feineren Arbeiten zuständigen freestone masons, d.h. die Steinmetze und Bildhauer, tätig. Die Steinmetze, von denen sich die "free masons" also die Freimaurer ableiten, hatten eine 5-jährige Lehrzeit zu absolvieren, ehe sie "spruchreif" waren, d.h. in die sog. "Sprüche", die Erkennungszeichen eingeweiht wurden und ihr Steinmetzzeichen erhielten. Sie bewahrten ihr Werkzeug in der Bauhütte, auch Loge genannt, neben dem Dom auf, wo sie auch aßen, Baupläne besprachen, bei Regenwetter arbeiteten und Feierlichkeiten abhielten. Im Gegensatz zu anderen Handwerkern unterlagen die Bauhütten keinem Zunftzwang, und konnten frei ihre Arbeitsstelle in ganz Europa wählen. Während in den sonstigen ortsgebundenen Handwerkszünften nur die Meister vereinigt waren und die Gesellen ihre eigenen Bruderschaften hatten, gehörten den Bauhütten Meister und Gesellen gleichermaßen an. Sie waren "freie Männer", selbstbewußt und stolz auf ihr handwerkliches Können, und ein "guter Ruf" sowie die Verpflichtung auf ethische Grundsätze waren selbstverständliche Voraussetzungen für die Aufnahme in die Bruderschaft, wie das auch in den heute noch in der Freimaurerei gültigen "Alten Pflichten" festgelegt ist. Ab dem 15. Jahrhundert wurden dann vor allem in England und Schottland auch Berufsfremde in die Bauhütten aufgenommen: zunächst werden das wohl die mit der Überwachung der Baustellen beauftragten Geistlichen gewesen sein, später vielleicht dann die Bürgermeister und andere Gebildete der Städte, die sich für das Wissen der Baumeister interessierten. Nach und nach wandelten sich die Logen so von operativen zu sog. spekulativen Logen. Als 1717 sich einige Logen der free masons in London zur ersten Dachorganisation, einer Großloge, zusammenschlossen, setzten sie sich noch z.T. aus praktizierenden, z.T. aus nicht praktizierenden Mitgliedern zusammen.

Die heutige Freimaurerei hat viele Elemente der Dombauhütten bewahrt; bis heute gibt es das Gradsystem von Lehrling, Geselle und Meister, und es finden sich viele Werkzeuge des Bauhandwerks in der freimaurerischen Symbolik wieder. Das alte Brauchtum der Steinmetze, das heute leider mehr und mehr verschwindet, hat noch sehr große Gemeinsamkeiten mit den freimaurerischen Ritualen und Symbolen. Was meint nun Symbolik und Ritual? Im Freimaurertempel finden Rituale statt, deren Verständnis an bestimmten vieldeutigen Symbolen erklärt wird.

Es reden dabei unterschiedliche Personen im Wechsel. Jeder der Schwestern und Brüder ist sowohl räumlich als auch funktional "mittendrin" und agiert gleichberechtigt mit den anderen. Dabei entsteht ein ritueller Raum, der in alle Richtungen geht, nicht nur in eine. Solch ein Ritual ist ein gemeinschaftliches Erleben und doch für jeden ein sehr persönliches Erlebnis.

Betrachtete man es genau, so ist die Freimaurerei die einzige nicht-institutionalisierte, nicht-kirchliche, spirituell ausgerichtete alte Rituskultur des Abendlandes.

Im 18. Jahrhundert begann sich mit dem aufstrebenden Bürgertum auch eine neue Kultur zu bilden. Die Epoche der Aufklärung begann. Man proklamierte das freie Individuum, die Entwicklung des Selbst aus den Kräften der Venunft heraus und das Unabhängigwerden von dogmengebenden Institutionen durch den eigenen freien Verstand. Bildung, Vernunft und Selbstständigkeit waren die Schlüsselwörter - daraus ergab sich natürlich auch eine Aufhebung der Standesunterschiede, denn jeder Mensch wurde nun als vernunftbegabt begriffen, als zum Veränderung seines eigenen Schicksals fähig. Die sich daraus ergebenden moralischen Werte, die es zu verfolgen gab, wurden nun: Humanität, Toleranz, Freiheit des Einzelnen und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, gleichsam die Verpflichtung als Mensch gegenüber dem Mitmenschen, als Bürger gegenüber der Gesellschaft und als Weltbürger gegenüber der Menschheit. Diese Ideale gipfelten schließlich im "Freiheit,Gleichheit, Brüderlichkeit" der Französischen Revolution. - Soweit zur Theorie. Das praktische Leben Mitte des 18. Jh. aber sah zunächst ganz anders aus: An der Spitze des Staates stand ein absoluter Monarch, die Hierarchien waren streng festgelegt und die Ständeschranken unüberwindbar wie eh und je. Der Wert eines Menschen maß sich v.a. an seiner Herkunft; ein Adliger beispielsweise konnte ungestraft einen Bauern oder Bediensteten töten, weil der ihn beleidigt hatte. In dieser Gesellschaft der engen Schranken und absoluten Monarchien suchte sich vor allem das Kleinbürgertum der Städte seine geschützten Nischen: eine Kultur der Salons, der Singkreise, der Lesegesellschaften und Clubs entstand, in denen man am Abend ein wenig freizügiger sein konnte als im Alltag. Zu dieser Salonkultur paßten natürlich die Freimauerlogen ganz ausgezeichnet - gleichzeitig erweiterte sich ihr Ehrenkodex der mittelalterlichen Steinmetze um das moralische Gedankengut der Aufklärung. Bis etwa 1730 hatte sich die FM von England aus über ganz Europa verbreitet.

Die Besonderheit der Logen im Vergleich zu anderen Salons aber war, daß sie zum einen durch ihren Geheimnis- uind Initiationscharakter einen Freiraum von staatlicher Kontrolle schufen, einen Ort zur freien Meinungsäußerung und zum intellektuellen Austausch - zum anderen aber als einzige Gemeinschaft in der Lage war , die starren Standesschranken aufzuheben. Durch das elementare Prinzip der Gleichheit aller Brüder einer Loge war hier möglich, was sonst undenkbar war: hier konnte ein Handwerker, ein Adliger und ein Stadtbürger zusammensitzen und sich auf gleicher Ebene unterhalten, ja sich als "Brüder" anerkennen - was draußen, in der hierarchisch geordneten Welt, so nie möglich gewesen wäre. Die Logen wurden zum Katalysator der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Mißständen und waren in ihrem Gedankengut der Moral ihrer Zeit oft weit voraus. Es verwundert also nicht, daß gerade im 18. Jh. viele Geistesgrößen - Wissenschaftler, Künstler, Philosophen - sich der freieren Atmosphäre in den Logen zuwandten und Mitglieder wurden. Doch nicht nur im Gegensatz zur Ständegesellschaft befand sich die Freimaurerei, auch die Unterschiede der religiösen Überzeugungen wurde aufgehoben: es gab kein ausdrückliches Bekenntnis zu einem bestimmten Gott, sondern ein allgemeines, höheres Prinzip, den sog. "Großen Baumeister aller Welten" unter dem sich jeder sein eigenes Gottesbild vorstellen konnte - unabhängig von jeder Konfession und Religion. Das dies weder den absolutistischen Monarchen, noch der katholischen Kirche gefiel, ist klar. So folgten bald die ersten staatlichen Verbote. 1738 eröffnete der Vatikan mit der Bulle In eminenti seine lange Reihe der Verurteilungen, die mehr od. weniger bis heute andauert.

Doch die Freimaurerei blieb erhalten und verbreitete sich weiter, und ihre Ideale wiesen den Weg bis weit über das 18. Jh. hinaus - die Freimaurerei ist also nicht nur ein Kind der Aufklärung, sie hat die Aufklärung auch entscheidend mitgeprägt.

Daß sich nun mit der Verbreitung der Freimaurerei in Europa und der wachsenden Zahl ihrer Mitglieder einzelne Strömungen bildeten, blieb nicht ausgeschlossen. Schon 1773 beschlossen ein großer Teil der französische Logen, sich von der Großloge von England zu trennen und gründeten den "Grand Orient de France", die bis heute mitgliederstärkste Großloge Frankreichs, die bald als "französische" Freimaurerei als Gegenpol zur "englischen" verstanden wurde.

Als erste Großloge für Männer und Frauen wurde 1893 der sog. "Droit Humain" in Paris gegründet. Zwar gab es auch schon vorher ab und an Versuche, an freimaurerische Rituale angelehnte Frauenlogen zu gründen, diese blieben aber vereinzelt oder waren mehr Kaffeekränzchen als echte Logen (z.Bsp. der sog. "Mopsorden" oder die im 19. Jh. verbreiteten Adoptionslogen). -- Mit dem "Droit Humain" verbreitete sich also ab dem Beginn des 20. Jh. auch die gemischte FM endlich in Europa. Auch Logen, die nur Frauen aufnahmen, bildeten sich, in Deutschland wurde 1949 die Frauengroßloge gegründet. Im Jahre 1959 schlossen sich drei deutsche "Droit Humain" - Logen ( Goethe zum flammenden Stern, Frankfurt; Pythagoras, Darmstadt; und Mozart zu den 3 Rosen, München) zur Großloge "Humanitas" für Männer und Frauen zusammen, in der heute elf Logen Mitglied sind und zu der nun auch die "Neue Werkstatt" gehören wird.

Auch die FM hatte ihre Niedergangsphase. Als sich im 19. Jh. das Bürgertum mehr und mehr etablierte, gewann auch die FM noch einmal an großem Interesse. Doch sollte man sich von den Zahlen ( allein in Leipzig soll es mehr als 50 Logen gegeben haben) nicht täuschen lassen. Gegen Ende des 19. Jh. hatte die Freimaurerei schon längst ihren progressiven Aufbruchscharakter der Aufklärungszeit verlohren, Freimauerer zu sein war einfach "chic". Die Logen fungierten auf der Position, die heute vielleicht Vereinigungen wie der Lions Club oder Rotary einnehmen. Der uralte spirituelle Charakter im Tempel und das innovative Potential gingen unter in der Gemütlichkeit von bürgerlichen Clubs, es ging mehr ums "Gesehen - werden" als um menschliche Vervollkommnung, Nationalismus und preußisches Militärgehabe gelangte in die Logen.

So kam es, daß die Freimaurerei schließlich so zahnlos geworden war, daß sie den aufkeimenden Diktaturen des 20. Jh. auch keinen wirklichen Widerstand entgegensetzen konnte, bevor sie von diesen verboten wurde. 1935 wurde die Freimaurerei von den Nationalsozialisten verboten; einige Logen hatten versucht, sich noch schnell ein "nationales" Image zuzulegen oder sich in irgendwelche "christlichen Vereine" umzumünzen, was aber letztendlich wenig bewirkte. Die Logen wurden verboten, viele Logenhäuser (die zur damaligen Zeit oft große, allgemein bekannte Gebäude in der Innenstadt waren - in Leipzig stand das Logenhaus in der Nähe des heutigen Bundesverwaltungsgerichtes) viele Logenhäuser wurden von Nazi- Truppen gestürmt und regelrecht auseinandergenommen, weil man meinte, das "freimaurerische Geheimnis" finden zu können, und die Bibliotheken, Ritualgegenstände und Sammlungen der Logen in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Durch das Auffinden von Mitgliederlisten kam es zu gezielten Verhaftungen und nicht wenige Freimaurer kamen in die Konzentrationslager, vor allem die prominenteren Mitglieder, wenn auch eine große Zahl der Logenmitglieder durch "Abducken" die dunkle Zeit relativ unbeschadet überstand - nichtsdestotrotz gingen viele alte Gegenstände und einiges Wissen verlohren.

Nach 1945 begannen dann in Westdeutschland die verbliebenen Freimaurer, einige Logen wiederzugründen, man bekam, soweit nicht zerstört, einige alte Logenhäuser zurück, und es etablierte sich nach und nach wieder ein spärliches freimaurerisches Leben in Westdeuscthland.

In der DDR hingegen blieb die Freimaurerei verboten - zwar hatten Freimaurer als Personen keine Verfolgung zu befürchten, aber es wurde ein Versammlungsverbot ausgesprochen, was natürlich ein mögliches Logenleben genauso verhinderte, und die Freimaurer wurden - wie so einiges andere auch in der DDR - einfach totgeschwiegen, es gab sie quasi nicht.

Erst nach 1989 begannen nach und nach einige Freimaurer aus Westdeustchland, die in den Osten kamen, die alten Logen wiederzubeleben. So konnten, mit einigem Einsatz viele der traditionsreichsten Logen Deutschlands wiedergegründet werden: in Leipzig waren das die alten Leipziger Männerlogen "Minerva zu den 3 Palmen" , "Balduin zur Linde" und "Apollo".

Um nun das freimaurerische Leben in Leipzig etwas vielseitiger zu gestalten, und v.a. Männern und Frauen gleichermaßen die Möglichkeit zu geben, Freimaurer zu werden, enstand die Idee einer gemischten Loge in Leipzig. Sie wurde "Neue Werkstatt" genannt.

P A U S E

Verehrte Damen und Herren,

Nachdem meine Vorrednerin ihnen ein wenig die Geschichte der Freimaurerei in ihren Entwicklungstendenzen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten dargestellt hat und ihnen auch einige interessante Zugänge zu den oft so mystisch klingenden Bestandteilen der Symbolik und Ritualistik lieferte, möchte ich im Folgenden etwas zur Geschichte der neu begründeten Loge "Neue Werkstatt" erzählen und unsere Gedanken darstellten, welche Bedeutung der Freimaurerei heute zukommen kann.

Was ist eine Loge? Nun, bevor ich Ihnen unsere Vorstellung von dem, was eine Loge als Versammlungsort der Freimaurer ausmacht, näher bringe, möchte ich erst einmal die gängigen Vorurteile gegen diese geheimbündischen Logen zur Sprache bringen und meine Gedanken dazu anführen.

In den Verschwörungstheorien und den oft sehr unterhaltsamen Filmen, in denen Freimaurer eine Rolle spielen, treffen sich meist alte Männer mit Bärten heimlich, von der Außenwelt abgeschottet und nach Kundgabe geheimer Passwörter und Zeichen in abgedunkelten Räumen und bereden die von ihnen gesteuerte Weltpolitik. Loge wird dort zu einem Abstraktum eines unweltlichen Versammlungsortes, in dem die unsichtbaren "Mächtigen" der Gesellschaft über das Schicksal aller bestimmen wollen und, sehr oft liest man es in Verschwörungsphantasien, böse Dämonen anbeten.

Loge entzieht sich dort jeder Beschreibung und gilt als Ort des Bösen. Zu diesem Logenkonzept werde ich keine Stellung beziehen, da es in keiner Weise der Realität entspricht. Es sei nur erwähnt, denn es ist doch erstaunlich, wie gern sich Menschen in Abhängigkeit von anderen wähnen und dabei völlig vergessen, dass jede Gesellschaft vom Einzelnen aufgebaut wird, dass jeder die Freiheit besitzen sollte und innerhalb unserer demokratischen Grundordnung auch die Freiheit besitzt, selbstbestimmt zu denken und eigenverantwortlich zu handeln.

Verschwörungstheorien von "bösen" Logen sind ebenso konstruiert wie das Bild von "denen da oben", "die ja sowieso machen, was sie wollen". Es ist tragisch, dass sich die wenigen Menschen, die weltweit das Glück haben, in einer durch die Verfassung gewährleisteten freiheitlichen Gesellschaft geboren zu sein, sich in derartigen Abhängigkeiten wähnen, da sie damit ihre Eigenverantwortlichkeit und individuelle Wirkungskraft aus den Augen verlieren.

Das Bild der "bösen" Logen ist damit ein Konstrukt einer Gesellschaft, die vielleicht nicht verstehen will, dass ihr Bestand durch jedes Mitglied abhängt, welches sich frei und selbstbewusst entfalten und entwickeln soll.

Es bleiben Fragen: Was ist eine Loge? Was suchen Menschen dort - was erhoffen sie zu finden? Aus welchem Grund entscheidet sich ein aufgeklärter Mensch von heute sich so einer ominösen Gesellschaft anzuschließen, von der keiner richtig etwas weiß, die nicht selten mit Vorurteilen behaftet ist und es doch, weiß Gott, auch schönere Freizeitbeschäftigungen geben dürfte. WAS SUCHT ER DORT?

Und genau an dieser Stelle knüpft die Antwort an:

Die Vorstellung vom "Suchen" ist nämlich ein grundlegender Gedanke der Freimaurerei.

Solange der Mensch lebt, sucht er. Nicht immer weiß er, dass er sucht. Das Alltägliche, das einen Menschen im Bann hält, das ihn ständig beschäftigt, lässt oft nicht die Zeit, darüber nachzudenken, zu erfühlen, dass er oder sie auf der Suche ist.

Aber trotzdem versucht sich jeder in seinem Leben einzurichten, sucht Geborgenheit im familiären Rahmen, sucht Anerkennung auf Arbeit, sucht kurzweiligen Zeitvertreib im Spiel, sucht anregende Konversation mit seinen Mitmenschen und Räume der Stille und Einsamkeit.

Was suchen solche Menschen, die sich Freimaurer nennen darüber hinaus?

Nun, grundsätzlich gesprochen: Freimaurer sind Visonäre und Idealisten.

Ja, in einer Gesellschaft, in der es heißt, dass jemand mit Visionen zum Arzt gehen sollte, wo man so gern von Sachzwängen und Notwendigkeiten spricht, wo in einer Stadt wie Leipzig jeden Montag überwältigende 0,006 % der Einwohner gegen gravierende soziale Ungerechtigkeiten protestieren, mietet eine kleine Gruppe Mitbürger einen festlichen Saal, lädt Gäste ein und erzählt von Visionen und Idealen.

Was steckt dahinter? Jetzt kommt Pathos ins Spiel:

Freimaurer wollen die Welt verändern - nicht mehr und nicht weniger.

Die Freimaurer sehen aber ein, dass Veränderung ausschließlich dort beginnen kann, wo auch die menschliche Gesellschaft beginnt. Beim Individuum - ein Individuum, welches sich seiner selbst bewusst ist und den Wille verspürt, durch Arbeiten an sich selbst zu einer besseren Gesellschaft zu gelangen.

Freimaurer versuchen also bewusst zu leben! Und sie leben und arbeiten mit anderen zusammen, die Gleiches wollen. Der Ort, um sich bei dieser Arbeit auszutauschen, ist die Loge.

Die Loge kennte keine Machtstrukturen, keine Ausübung der Herrschaft eines einzelnen über den anderen, sondern ist eine Gesellschaft des miteinander, in der jedem auf gleicher Ebene mit Toleranz und Mitmenschlichkeit/Brüderlichkeit begegnet wird. Dies sind die auch konstitutionellen Bausteine des Logenlebens, welche akzeptiert werden müssen, wenn man ihr beitritt.

Die Achtung vor der Würde des einzelnen Menschen ist somit unantastbares Gut des Freimaurers. So zu leben, zu handeln - das klingt einfach, ist aber im Alltäglichen durchaus nicht immer einfach umzusetzen. Das geht nur durch Reflexion über die eigenen Handlungen, durch das schmerzliche Erkennen und Eingestehen eigener Fehler und ein damit zusammenhängender Versuch des Überwindens von Vorurteilen, ungerechten Handlungen gegen Mitmenschen und des trägen Verschließens gegen weltweite Ungleichheit.

Die Loge bietet einen Raum, in dem das gleichberechtigte Zusammensein von Menschen unterschiedlichster Herkunft, religiöser Überzeugung und Weltsicht gelebt wird, in dem man durch die Pflege des intellektuellen Gesprächs, durch den Austausch von individuell gewonnen Erkenntnissen und das gemeinsame Erleben eines symbolträchtigen Rituals auch tatsächlich den Mut findet, sich des eigenen Verstandes zu bedienen.

Eine Loge ist damit nicht zuletzt auch ein zivilgesellschaftlicher Verein von Individuen, der durch die Anerkennung humanistischer Grundwerte eine Basis schaffen möchte für Selbsterkenntnis und bewusstes Mitgestalten der Gesellschaft durch den Einzelnen.

Vor diesem Hintergrund ist damit auch die Gründung der Freimaurerloge "Neue Werkstatt" zu sehen. Da sie eine Neugründung ist, wohnt ihr in gewisser Weise der Zauber des Neuen inne.

Zuerst war es eine sehr geringe Anzahl an heutigen Mitgliedern, welche durch Zufall zur selben Zeit am selben Ort zu dem Gedanken der Freimaurerei fanden und sich entschlossen, gemeinsam am Aufbau einer Loge zu arbeiten.

Der Weg dahin war spannend. Zuerst suchte man scheuen Kontakt zu Freimaurern, machte sich durch Selbststudium vertraut mit den Inhalten, geschichtlichen Entwicklungen, philosophischen Grundgedanken und jetztzeitiger Bedeutung des Bundes und ging langsam dazu über, Taten folgen zu lassen.

In dieser Zeit war noch keiner der heutigen Leipziger Freimaurer der "Neuen Werkstatt" in einer Loge aufgenommen. Vielmehr fanden selbstbewusste und engagierte Bürger dieser Stadt durch die Freimaurerei einen Verständigungsrahmen, in dem sie gewisse Ideale kommunizieren konnten.

Dieser Gedanke des gemeinsamen Handelns führte am 18. Oktober 2002 - nach einem langen Weg der Suche nach ähnlich Denkenden und intensiver Arbeit zur ersten großen Veranstaltung in der Leipziger Universität unter dem Titel: "Die Freimaurerei - ein alter Weisheitsbund für die moderne Zeit" - dieser Vortrag von Frau Dr. Schichtl aus München füllte den großen Hörsaal der Leipziger Universität mit über 150 interessierten - vor allem jungen - Menschen.

Dies - so kann man sagen - war der Beginn der "Neuen Werkstatt", der ersten gemischten Loge im Osten Deutschlands - wenn man einmal von Berlin absieht.

Ein Stein kam ins Rollen.

Brüder und Schwestern Freimaurer aus den verschiedensten Teilen Deutschlands unterstützten uns dabei in den kommenden Monaten und Jahren. Man schrieb sich, telefonierte, tauschte sich aus, verlieh Bücher - entwickelte Freundschaften.

Wir, Männer und Frauen aus Leipzig, begannen jetzt, regelmäßig monatliche Gästeabende zu den verschiedensten freimaurerischen Themen durchzuführen. Selbst noch Lernende konnten wir Abende gestalten, wo Brüder und Schwestern aus Heidelberg, München, Frankfurt, Karlsruhe, Hamburg, Berlin und anderen Orten lebendiger Freimaurerei weder Kosten noch Zeit scheuten, um über Themen zu sprechen, die für uns und unsere Gäste hochinteressant waren: da ging es um das freimaurerische Ritual, das Thema "Freimaurer und Gesellschaft", "Zum freimaurerischen Geheimnis", "Freimaurerei und Meinungsfreiheit", "Zur Sprache der Symbole" zu "Freimaurerei und Religion", zur "Toleranz und Freimaurerei" und eine ganze Vortragsreihe eines Bruders zu den Wurzeln der Freimaurerei, den alten Mysterien. Später kamen die Vorträge der Schwestern und Brüder der "Neuen Werkstatt" selbst noch dazu.

Freimaurerisches Leben findet aber auch innerhalb eines institutionellen Rahmens statt.

Aus diesem Grund erhielt die Neue Werkstatt im Oktober 2003 auf dem Großlogentag der Freimaurer-Großloge "Humanitas" den Schutzbrief derselben und konnte fortan mit dem Licht ihrer Mutterloge "Immanuel Kant" in Berlin als Deputationsloge arbeiten.

Zur Erklärung: Eine Mutterloge ist eine bereits gegründete Freimaurerloge, welche sich freiwillig bereit erklärt, durch aktive Beteiligung in Form von Vorträgen und Erklärung des Rituals und der Symbolik der Freimaurerei, eine Gruppe von Menschen zu unterstützen, die ebenfalls eine Freimaurerloge gründen möchte.

Seit dieser Zeit gelang es uns, die Voraussetzungen zu schaffen, um am 14.4.2007, also morgen, durch die Großloge "Humanitas" das Licht in unsere Deputationsloge einbringen zu lassen und damit eine vollkommene und gerechte Loge zu werden.

Wir haben heute in der "Neuen Werkstatt" 7 Meistermaurer (dies ist die Voraussetzung für eine gerechte und vollkommene Loge und damit nicht zuletzt auch die nach deutschem Vereinsrecht vorgeschriebene Mindestzahl eines Vereins) und darüber hinaus noch Mitglieder im Grad der Gesellen und Lehrlinge.

Worin sehen wir das Besondere in diesem freimaurerischen Verein, dieser Loge, die wir in den letzten Jahren zusammen aufgebaut haben? Nun,

  • wir sind eine Loge, die offen ist für Männer und Frauen, wir bieten also ein Angebot für Menschen beiden Geschlechts, - wie sie wissen, ist diese liberale Einstellung nicht der unbedingte Grundtenor der Freimaurerei in Deutschland - sich aktiv mit den Idealen des Humanismus auseinanderzusetzen
  • wir sind eine junge Loge - über die Hälfte unserer Mitglieder ist jünger als 40 Jahre, wir sehen darin, dass Freimaurerei offensichtlich nicht nur ein Club für, sagen wir, erfahrene Menschen ist, sondern mit ihren Inhalten alle Menschen anspricht - sie ist damit auch ein Ort des intergenerativen Gesprächs
  • wir wollen neues Denken in die Gesellschaft einbringen, wollen neue Gedanken, Selbsterkenntnis, aktives Handeln für humanistisches Miteinander in der Gemeinschaft und in der Gesellschaft aktiv befördern, gerade in einer Zeit der Globalisierung ist es wichtig, gedankliche Grenzen abzubauen und die Gleichheit aller Menschen zu vertreten
  • Räume eröffnen für freies, bewusstes und positives Handeln mit den Menschen - nicht gegen sie, nicht über die Köpfe anderer hinweg
  • wir sind der Überzeugung, es muß eine neue Bewegung der Aufklärung beginnen, weil die Gesellschaft nicht bleiben kann, wie sie ist
  • wir meinen Menschlichkeit üben und Achtung jedem einzelnen gegenüber - es ist ein einfaches Wollen, was im Alltäglichen gelernt und immer wieder neu geübt sein will.
  • wir werden nicht die "alten Zöpfe" pflegen, kein Traditionsverein sein, wir wollen eine gesellschaftliche Institution werden, ein Ort der Begegnung des gepflegten Diskutierens, des Aushandelns von Konzepten, wollen uns einmischen und Bewahrenswertes erhalten
  • wir wollen Ausgangspunkt werden für weitere gemischte Freimaurerlogen im Osten Deutschlands
  • wir wollen weitergeben, was wir zu erhalten versuchen - werden eine humanistische Bewegung sein

Meine sehr verehrten Damen und Herren, auch hier schlägt wieder Pathos durch, der einige verwundern, vielleicht sogar abschrecken wird.

Wir möchten nicht als realitätslose Idealisten gelten, aber auch nicht als ideenlose Reaktionäre. Es gibt de facto keine festgelegte Definition, was Freimaurerei ist, da sie für jeden einen individuellen Zugang bietet. Trotzdem haben wir, die Mitglieder der Neuen Werkstatt zusammen hingesetzt und über einen Konsens verhandelt, wie wir Freimaurerei denken.

Was ist FM also?

Inhalt und Aufgabe der Freimaurerei ist das Streben nach dem Ideal der Humanität. Die Erkenntnis, dass sich die Gesellschaft im humanistischen Sinne nur ändern lässt, wenn jeder bei sich selbst beginnt, steht am Anfang der freimaurerischen Arbeit. Das Ringen mit der eigenen Unvollkommenheit, der Kampf gegen Vorurteile, die aus Unwissenheit entstanden sind, ist ständige Beschäftigung des Freimaurers.

Freimaurer sind ein Bund freier Menschen, die sich zusammentun, um eine Verbesserung der eigenen Person zu erreichen.

Freimaurerei will aufklären.

Aufklärung schafft das Bewusstsein für die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Aneignung und Verbreitung von Wissen sorgt dafür, dass gesellschaftliche Prozesse durchschaubarer werden. Aufklärung muss Vorhänge beiseite ziehen, Gräben zuschütten und Zäune niederreißen, sonst hat sie ihr Ziel verfehlt. All das will Freimaurerei sein: Sie möchte Licht ins Dunkel bringen; Wege aufzeigen, die helfen, den Ausgang aus den gesellschaftlichen Zwängen des reinen Materialismus zu finden. Dazu gehört die Verbreitung humanistischen Gedankenguts ebenso, wie die ständige Anmahnung der Einhaltung und Durchsetzung von Menschenrechten.

Freimaurerei tritt ein für die Beförderung von Toleranz unter den Menschen.

Dabei bekämpft sie Unwissenheit ebenso, wie Rassismus oder Extremismus.

Die Gleichheit aller Menschen ist ihr gedanklicher Ausgangspunkt.

Menschenliebe und Brüderlichkeit sind Grundpfeiler der Freimaurerei. Dazu ist Friedfertigkeit notwendig. Nur im friedlichen Zustand ist ein Austausch der Argumente und Motive möglich. Andersartigkeit im Sinne andere kulturellen Prägung akzeptieren und verstehen und den Kampf gegen intolerante Tendenzen ausweiten ist damit ein Hauptanliegen der Freimaurerei. Wohlgemerkt! In einem Land wie Sachsen, in dem die ewig Gestrigen schon wieder Stimmen in den Parlamenten haben!

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

und was ist sie nicht?

Freimauerei ist kein Geheimnis.

Jeder, der etwas darüber wissen will, kann sich in Bibliotheken und im Internet kundig machen. Über das, was sich die Brüder und Schwestern in den Logen gegenseitig anvertrauen, wird nach außen hin geschwiegen. So sind wir sicher, daß es einen geschützten Raum gibt, in dem sich jeder, ungeachtet anderer Meinungen, frei äußern kann. Das ist ein Teil freimaurererischer Ethik: den Bruder oder die Schwester zu schützen; sei es vor Neugierde oder vor Benachteiligungen.

Freimaurerei ist keine Religion und somit auch keine Sekte.

Sie will verbinden statt trennen. Ihre Aufgabe liegt auch darin, daß Gegensätzliche unter den Menschen abzumildern und das Gemeinsame zu befördern.

Sie ist offen für jede Glaubensrichtung und auch für Nichtgläubige.

Freimaurerei missioniert nicht. Sie lebt davon, daß jeder seine eigenen Erkenntnisse auf dem Lebensweg findet. Die Rituale, die wir üben, dienen als Gerüst, als Halt. Sie verbinden die Freimaurer weltweit, weil sie überall gleich oder zumindest sehr ähnlich sind.

Freimaurerei ist keine politische Partei oder Organisation.

Sie will gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen, die humanistische Werte als höchstes Gut anerkennt. Es geht ihr um einen Wandel in der Gesellschaft, der eine Verbesserung des menschlichen Lebens und Zusammenlebens zum Inhalt hat. Dabei setzt sie auf die Kraft der Einsicht, daß friedliches, harmonisches Leben dem Ziel der Menschheit, eine Gemeinschaft des Miteinander zu sein, näher kommt.

Freimaurerei kennt kein Dogma. Sie hat keine Antworten. Viel eher gibt sie die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Wir leben von der Meinungsvielfalt unserer Mitglieder. So verschieden, wie wir Menschen sind, so verschieden sind auch die Erfahrungen, die jeder in unsere gemeinsame Arbeit einbringt. Wir haben auch keine einheitliche Lehre, die man auswendig lernen könnte. Der Weg zu sich selbst, bei der die Freimaurerei als philosophisches System Hilfestellung geben kann, ist damit immer ein individueller, einzigartiger.

Wirkung der FM individuell....

Die Freimaurerei vermittelt humanistische Werte und regt den Einzelnen zum Nachdenken und Neudenken an. In der Loge wird der ständige Gedankenaustausch gepflegt, was jedem Gelegenheit bietet, sein Wissen zu erweitern und seine eigene Meinung vorbehaltlos zu äußern. Freimaurer unterstützen sich gegenseitig, leisten Hilfe, wenn sie nötig ist. Der Einzelne kann sich als Individuum fühlen, weil er so akzeptiert wird, wie er ist. In die Gruppe bringt jeder nur das ein, was er kann oder will.

...und gesellschaftlich

Die Wirkung freimaurerischen Denkens und Handelns muß gerade in Deutschland wieder stärker an den Tag treten. Das, was der Einzelne in der Loge lernt, sich selbst zu erkennen und zu verbessern, muß seine Konsequenz im äußeren Handeln haben. Freimaurer müssen und können Vorbilder für andere Menschen sein. Humanität ist die Aufgabe aller.

Wichtig wird sein, ein geschlossenes Bild der Freimaurerei nach außen zu geben. Die glaubhafte Vermittlung humanistischer Werte, die Erklärung des freimaurerischen Weltbildes sind Ziel der Bestrebungen. Freimaurerei muß in Deutschland wieder so populär werden, wie sie einst war und in anderen Ländern heute ist. Aus dem Konglomerat an Ideen und freiheitlichen Vorstellungen muß eine neue humanistische Bewegung entstehen, welche deutlich macht, daß wir mit dem Zustand unserer Gesellschaft, wie sie jetzt ist, nicht einverstanden sind. Es muß durch uns dargestellt werden, daß es an jedem einzelnen liegt, wann und wie sich die Gesellschaft ändert. Dabei ist jeder Freimaurer angehalten, in seinem persönlichen Umfeld zu wirken, sich aber auch nicht vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Das ist natürlich nicht zuletzt auch ein Grund dafür, wieso die Loge mit solchen Veranstaltungen wie dieser sog. Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Wir wollen nicht im Verborgenen vor uns hin philosophieren, sondern gemeinsam zu den Menschen in unserer Umgebung Kontakt suchen und Gesprächsangebote bieten, sich dezidiert mit interessanten Inhalten auseinanderzusetzen.

Dennoch:

Freimaurerei nimmt absichtlich keinen Einfluß auf politische Entscheidungen, da sie keine homogene Interessensgruppe vertritt, sondern eine bunte Gemeinschaft ist von Menschen mit oft sehr unterschiedlichen politischen Ansichten.

Sie kann aber im humanistischen Sinn meinungsbildend wirken, wenn sie zu gesellschaftlichen Sachverhalten Stellung bezieht und Fragen aufwirft, die dann wieder zur Diskussion führen.

So versuchen wir durch unser Verhalten ein Bewusstsein zu schaffen, welches zeigt, dass jeder einzelne Verantwortung für die Gemeinschaft trägt, genauso, wie auch die Gemeinschaft im sozialen Sinn für den einzelnen verantwortlich ist.

Freimaurerei kann damit zum Auslöser einer gesellschaftlichen Wertediskussion werden, indem wir unsere Vorstellungen von Humanismus und Sozialem propagieren. Dazu werden öffentliche Veranstaltungen notwendig sein, um möglichst viele Menschen zu erreichen um mit ihnen zu einem Dialog zu kommen.

Denn!

Freimaurerei ist auch ein Verständigungsrahmen für freiheitsliebende Menschen weltweit. Fast in jedem Land gibt es Logen mit engagierten Mitgliedern, die durch die Organisation über Dachverbände miteinander in Verbindung treten können, Ideen und Handlungen aufeinander abstimmen können und so im Kleinen schon das versuchen zu leben, was sonst in weiter Ferne scheint - eine Weltgesellschaft von Gleichen unter Gleichen.

Um das an einem Beispiel zu erläutern: Vor zwei Jahren wurde der Freimaurerei Europas eine Stimme in der europäischen Ethikkommission angeboten. Seit dem findet ein sehr reger Austausch zwischen Logen und Großlogen statt. Man verhandelt darüber, ob so ein Sitz gegen den Grundsatz der politischen Nichteinmischung verstößt, bearbeitet gemeinsam ethische Themen aus freimaurerisch - humanistischer Sicht und versucht Modalitäten zu finden, über Strittiges demokratisch abzustimmen.

Sie sehen schon - Freimaurerei, ein grundsätzlich philosophisches System, wird an dieser Stelle tätig und aktiviert Menschen über regionale und sogar nationale Räume hinaus gemeinsam Gesellschaft zu gestalten.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich habe Ihnen jetzt ein sehr optimistisches Bild von Freimaurerei gezeichnet. Wir sind uns bewusst, dass unsere Bestehen nur davon abhängen kann, ob wir in der Lage sein werden, zumindest einige dieser hübschen Gedanken umzusetzen.

Ein Ziel dieser neu gegründeten Loge ist es, für engagierte Bürger der Stadt Leipzig ein Anlaufpunkt zu sein, um sich, zum Beispiel auf unseren Gästeabenden, gedanklich aktiv mit gesellschaftsrelevanten Themen auseinanderzusetzen, wollen den Leipzigern einen Raum der Begegnung und Diskussion bieten. Dazu laden wir sie recht herzlich ein.

Infos zu den Autoren: Sr. Christiane, geb. 1980, studiert Philosophie und Germanistik an der Universität Leipzig und ist seit 2003 Mitglied der "Neuen Werkstatt".
Br. Cliff, geb. 1982, studiert Germanistik und Geschichte an der Universität Leipzig und ist seit 2003 Mitglied der "Neuen Werkstatt".