Vorträge

Um die Vielfalt der Freimaurerei und ebenso die Vielfalt unserer Loge zu illustrieren, haben wir hier einige auf Gästeabenden gehaltene Vorträge zusammengestellt. Wir weisen darauf hin, daß jeder Freimaurer seine ganz persönliche Sicht auf die Freimaurerei hat - die im folgenden geäußerten Meinungen sind also keine Dogmen, sondern die persönlichen Auffassungen des jeweiligen Autors. Sie können somit auch der Meinung eines anderen Bruders bzw. einer anderen Schwester widersprechen - sie sind also immer offen für Kritik und konstruktive Diskussionen.

"Melencolia I" von Albrecht Dürer, Kupferstich, 1514

Gästabend vom:

05.06.2009Gotische Dombauhütten
11.04.2008Toleranz im Islam
07.09.2007Die Bearbeitung des Steines
13.04.2007Vortrag zur Lichteinbringung
16.02.2007Das Ritual - Relikt, Notwendigkeit oder Tor zu Höherem?
21.04.2006Humanität und Freimaurerei
19.05.2005Toleranz und Freimaurerei
04.12.2004Das weibliche und das männliche Prinzip in der Freimaurerei
28.09.2004Ist Geiz geil?
25.03.2004Freimaurerei zwischen Tradition und Fortschritt
18.10.2002Die Freimaurer: Ein alter Weisheitsbund für die moderne Zeit

Toleranz im Islam

"O ihr Menschen, Wir haben euch von Mann und Weib erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, dass ihr einander kennen möchtet. Wahrlich, der Angesehenste von euch ist vor Gott der, der unter euch der Gerechteste ist. Siehe, Gott ist allwissend, allkundig." (Qur’an 49: 13)

"Und unter Seinen Zeichen sind die Schöpfung des Himmels und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Hierin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden." (Qur’an 30: 22)

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat das Phänomen religiös motivierter Gewalttaten von Muslimen die Welt zunehmend beschäftigt. Vorläufiger Höhepunkt waren die - für westlich geprägte Menschen - unfassbaren Anschläge des 11. September 2001. In Folge dieser Attentate wurde weltweit viel Mühe darauf verwendet, herauszustellen, dass derartige Gewalt eine Fehlentwicklung islamischen Glaubens und Denkens darstelle, während der Islam seinem Wesen nach friedliebend und tolerant sei. Den meisten derartigen Beteuerungen - sowohl von westlichen Kommentatoren, als auch innerhalb der islamischen Welt - war gemeinsam, dass sie wenig Bezug nahmen auf eine eingehendere Betrachtung des Koran als der wesentlichen Grundlage islamischen Glaubens.

Beim Abwägen der Frage, ob Gewaltbereitschaft im Islam selbst angelegt ist oder aber einen Irrweg verblendeter Extremisten darstellt, ist es von Bedeutung, solche Aspekte zu beleuchten, die für das islamische (Selbst-)Bewusstsein prägend sind. Diese betreffen vor allem das islamische Selbstverständnis gegenüber Nicht-Muslimen, insbesondere Juden und Christen, sowie die Frage der Legitimität des Tötens und des so genannten "Heiligen Krieges". Dabei kommt dem Koran eine entscheidende Rolle zu, da er von Muslimen nicht nur als inspiriertes, sondern gewissermaßen als diktiertes Gotteswort verstanden wird. Als solches wird er in Schule und Koranschule gelehrt und auswendig gelernt, im Ramadan mindestens einmal komplett gelesen, alltäglich von den Moscheen über Lautsprecher rezitiert und somit fest im Bewusstsein verankert. Darüber hinaus sollte man einen Blick auf Leben und Praxis Muhammads und die frühe islamische Geschichte werfen, welche in Zweifelsfragen ebenfalls als maßgebend und vorbildlich erachtet werden. Es sind diese Eindrücke - und nicht komplizierte und vielschichtige theologische Diskussionen und Erörterungen - die den meisten Muslimen zugänglich sind und sie ihn in ihrem Denken und Handeln bestimmen. Dies u.a. deshalb, weil erfreulicherweise eine Reihe von Nicht-Muslimen hier zu Gast sind, denen nur eine sachliche Behandlung dieses schwierigen Themas dienlich sein kann.

Wenn man hier im christlichen Abendland von "Toleranz im Islam" redet, so assoziiert das Wort Toleranz in der Regel mit der Gewalt im Islam.

Sagt man: Der Islam ist tolerant, so hat man mit folgenden Fragen zu rechnen: Was waren dann die Kriege, sogar heilige Kriege? Warum haben denn die Muslime Gewalt angewendet? Warum hat man versucht, die anderen gewaltsam zu bekehren?... In der Tat sind mit dem Thema "Toleranz im Islam" sehr viele Begriffe verbunden, die ich versuche, etwas näher zu bringen.

Der Begriff "Toleranz" ist, wie wir wissen, in der abendländischen Tradition kein sehr alter Begriff. Er ist ein Produkt der Aufklärungszeit (17. bis 18. Jahrhundert); vorher hatte man in der abendländischen Tradition keinen Grund, mit dem Begriff Toleranz zu arbeiten oder daran zu denken.

Sie kennen den Anwendungsbereich dieses Begriffes bei Lessing, Goethe und vielen anderen Wissenschaftlern der damaligen Zeit, und zwar nicht nur hier, sondern auch in England, Frankreich und überall in Europa: Die Verfechter dieser neuen Bewegung "Aufklärung" gingen dahin, die Grenzen zwischen den Ideologien - sofern sie ein friedliches Zusammenleben verhinderten, niederzureißen. Diese Aufklärung ist eine spätere Reaktion auf die Auseinandersetzungen zwischen Muslimen, Juden und Christen, die mit den Kreuzzügen begonnen hatten.

Die schrecklichen Folgen der Kreuzzüge haben, sowohl bei den Christen als auch bei den Muslimen, einiges erschwert und die Menschen voneinander getrennt. Am meisten wurde diese Trennung zwischen den Bewohnern Europas durch die Religionen praktiziert. Diese hat die Menschen im Grunde dazu bewogen, sich schon vor der Aufklärungszeit mit fremden Religionen zu beschäftigen und womöglich das Positive dieser Religionen herauszustellen, bzw. dies als Brücke zur Verständigung zu benutzen.

Namhafte Theologien wie Nicolaus Cusanus (Kardinal, Kirchengelehrter, Philosoph, Mathematiker im 15. Jahrhundert) - wohl der größte Mann seiner Zeit - beschäftigten sich intensiv mit dem Koran, das heißt mit der damaligen Übersetzung des Koran, und zwar unter dem Motto: Durch die Kriege hat man nichts erreicht, es gilt nun auf friedlichem Wege mit anderen Religionen ins Gespräch zu kommen.

Man stellte sich die Frage nach dem Sinn bzw. Unsinn religiöser Kämpfe, obwohl jede Religion für sich beansprucht allen Menschen Freude, Frieden und Freiheit zu bringen. Darauf hat die Aufklärungszeit im 17. und 18. Jahrhundert in Europa intensiver denn je aufgebaut. Ich möchte hier einige der Früchte jener Zeit demonstrieren.

Mit dieser Einleitung möchte ich Sie auf die folgende Frage vorbereiten: Wenn der Begriff Toleranz ein späteres Produkt der abendländischen Kulturentwicklung ist, wie können wir dann nach Toleranz im Islam fragen? Fragt man die Muslime nach der Toleranz im Islam, so werden sie allesamt stolz antworten: "Selbstverständlich ist der Islam tolerant und der Beweis dafür lautet: "es gibt keinen Zwang in der Religion ", (Koran, 2, 256). Jeder kann das als Religion wählen, was er will, und das ist schon mehr als eine einfache Toleranz.

Sicher ist es einfach, sich den Angehörigen anderer Glaubens- und Denkrichtungen gegenüber großzügig und tolerant zu verhalten, solange man sich aber nicht mit einem Glauben und einer Überzeugung stark identifiziert. Schwierig wird es jedoch - diese Schwierigkeit gilt für alle drei monotheistischen Religionen - wenn man bei der Begegnung mit den Andersgläubigen von den eigenen als von einer absoluten Wahrheit ausgeht. Was bedeutet in diesem Falle Toleranz: In welchem Sinne können wir also in diesem Rahmen von einer Toleranz sprechen? Toleranz - nicht als Begriff und auch nicht als Phänomen - ist keine kulturelle Erscheinung und keine besondere humanistisch deklarierte Haltung in der islamischen Welt.

Die Religion stellt die Beziehung zwischen dem Menschen und einer unantastbaren heiligen Macht her. Was heißt das? Damit will man auch diejenigen Religionen erfassen, die keine Verbindung zwischen dem Menschen und Gott als Zentrum des Glaubens kennen, obwohl sie an irgendeine unbeschreibbare Größe festhalten, worauf sich der Mensch um seiner seelischen Läuterung willen, strebt. Der Islam geht davon aus, dass diese heilige unbeschreibbare Größe, zu der der Mensch eine religiöse Beziehung pflegen kann, nur Gott, also nur der einzige Gott ist.

Gott - deutlicher gesagt, der Schöpfergott (damit wir hier alle drei monotheistischen Religionen erfassen) ist also der einzige Mittelpunkt, zu dem der Mensch seine religiösen Gefühle richten kann. Diese kann nun konsequenterweise nur eine einzig Beziehung sein, solange es nur einen einzigen Gott als Bezugsgröße gibt. Diese einzige mögliche Beziehung zu Gott heißt nach dem Koran Islam, dem zur Folge musste der Koran bestätigen, dass auch die frühen Völker und frühen Menschen, die an einen einzigen Gott geglaubt haben, Muslime gewesen sein mussten, dazu steht der Koran folgerichtig.

Es gibt mehrere Belege dafür, dass frühere Völker und ganz besonders die Juden und Christen alle in diesem Sinne "Muslime" genannt werden. Das prototype Beispiel für einen Muslim ist Abraham (auch eine biblische Figur), der gegen die Vielgötterei gekämpft und sich für seinen Gottglauben selbst aufopfernd eingesetzt hat: "Abraham war weder Jude noch Nazarener; vielmehr war er lauteren Glaubens, ein Muslim, und gehörte nicht zu den Polytheisten"(also Menschen, die an viele Götter glauben), Koran Sure 3, Vers 67.

Bezüglich des engen Kreises um Jesus heißt es: "und als Ich (Gott) den Jüngern offenbarte: Glaubt an Mich und Meinen Gesandten (Jesus)‘. Sie sagten: "Wir glauben. Bezeuge, dass wir Muslime sind." (Koran Sure 5, Vers 111). Diese Belege zeigen, dass der Begriff Muslim nicht unbedingt nur einen bezeichnet, der der Lehre Muhammads anhängt, sondern dass er im Gegenteil die ausschließliche Verbindung des Menschen zu dem einen Gott bezeugt. Demnach kann nach der koranischen Auffassung nur eine einzige Verbindung möglich sein, und das ist die Gottausgerichtetheit). Es ist nicht so, dass der Koran etwa eklektisch vorgeht, d.h. mehrere Religionen herausstellt (eklektisch bedeutet auswählend, aus verschiedenen Vorlagen einzelne Elemente herausgreifend und zu einem neuen Ganzen zusammenfügend). Das ist es nicht. Im Gegenteil: Der Koran geht von der Frage aus, was eine Religion zu einer Religion macht.

Das respektvolle Umgehen mit allen anderen Religionen geht über die einfache Toleranz hinaus, weil hinter diesem Respekt eine gewisse Identifizierung im Punkte der Gottausgerichtetheit steht.

Der Islam erlaubt nicht, andere anzugreifen, wenn sie keinerlei feindliches Verhalten zeigen, oder einen Angriff vorbereiten. Wenn man nun auf Koranstellen stößt, in denen es u.a. heißt: "Tötet sie, wo ihr sie findet und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben." (Sure 2, Vers 191), muss man aber wissen, worauf sich diese Stelle bezieht. Es handelt sich um keinen Imperativ, um keinen Befehl für die Muslime und für alle Zeiten. Diese Stelle bezieht sich nachweisbar ganz konkret auf die Mekkaner, die die Muslime kriegerisch angriffen und sich danach ins heilige Gebiet zurückzogen, um Gegenangriffen zu entkommen. Nicht einmal durfte gegen die Polytheisten, nur weil sie Polytheisten waren, also wegen ihres Glaubens, Kriege geführt werden. Sie sollten nur als angreifende Feinde abgewehrt werden. Deswegen heißt es im Koran zu der eben zitierten Stelle: "Aber begeht keine Übertretung. Gott liebt die nicht, die Übertretungen begehen." (Sure 2, Vers 190) Ferner heißt es: "Und wenn sie (die Feinde) sich dem Frieden zuneigen, dann neige dich ihm zu." Es ist nicht die Idee der Toleranz, sondern die Idee des Islam, die Idee der allgemeinen Gottausgerichtetheit, die der Koran im Juden und im Christen findet und diese zur Gemeinsamkeit auffordert. In einer früheren mekkanischen Sure (Sure 29, Vers 46) heißt es: "Und sagt: (angesprochen sind Muhammad und seine Gefährten, sie sollen zu den Schriftbesitzern sagen:) Wir glauben an das, was als Offenbarung zu uns und was zu euch (Juden und Christen) herabgesandt worden ist. Unser Gott und Euer Gott ist Einer. Ihm sind wir also ergeben (muslimun)." D.h. wir sind diesem Gott gegenüber muslimun, und ihr seid es genauso.

In diesem Sinne heißt es an einer anderen Stelle:

"Ihr Leute der Schrift, kommt her zu einem Wort des Ausgleichs zwischen uns und euch, dass wir Gott allein dienen und ihm nichts beigesellen" (Sure 3, Vers 64). Ganz eindeutig werden die Juden und Christen auf Grund der Tatsache: "Unser und Euer Gott ist Einer" als Partner anerkannt; eine Tatsache nämlich, die das Zentrum des Glaubens und den Inhalt vom "Islam" ausmacht, weswegen dann der Appell, dass wir Gott allein dienen und ihm nichts beigesellen, ausgesprochen wird. Wir sehen also, dass das Phänomen, das wir hier im christlichen Abendland Toleranz nennen, nach der Auffassung des Korans in dem Begriff "Religion" und in dem Phänomen Islam verwurzelt ist und ein Bestandteil des islamischen Glaubens ausgemacht.

Einen tieferen Einblick in das Wesen der abendländischen und islamischen Toleranz gewinnen wir, wenn wir die beiden, entsprechend ihrer jeweiligen Voraussetzungen, miteinander vergleichen. "Achtung" und "Respekt" vor der Menschheit und vor der "Würde" des Menschen ist es - wie Kant in allen seinen moralischen Werken als wichtigsten Dokument der Aufklärungszeit betont - ‚ die die Träger des abendländischen Geistes zu dem uns bekannten Toleranzbegriff geführt hat. Die eigentliche Grundlage für die islamische Toleranz bilden: der Glaube an den einzigen Gott, die Gleichheit aller Menschen immer und überall vor Gott und die einzig mögliche religiöse Beziehung eines jeden Einzelnen, immer und überall, zu Gott (Islam).

Die bisher geschilderte koranische Toleranz im Sinne der Anerkennung der Gottesausgerichtetheit in ihrer religiösen Haltung galt de facto den Juden und Christen. Maßgebend für "Toleranz" gegenüber den Polytheisten war der oben genannte Koranvers (Sure 2, Vers 256) "Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden gegenüber dem unrichtigen. Der also, der nicht an falsche Götter glaubt, aber an den einzigen Gott glaubt, hat gewiss den sichersten Halt ergriffen, bei dem es kein Zerreißen gibt." Toleranz im Sinne des Leben lassen und Duldens der Polytheisten hat Muhammad selber durch sein Verhalten demonstriert, als er samt seiner muslimischen Gefolgschaft im Jahre 628 friedlich die Stadt Mekka betrat und sie unter seine Herrschaft brachte.

Die Götzenstatuen wurden zwar zerstört, die Polytheisten als Polytheisten, also als Menschen mit Recht auf die eigene freie Entscheidung blieben unversehrt. Sie wurden weder getötet noch zur Übernahme des Islam gezwungen. Nicht einmal zwangslose Bekehrung der Polytheisten (also ihre Missionierung) gehörte zu seiner Aufgabe: "Wahrscheinlich du, Muhammad, kannst dem den Weg weisen, den du liebst; Allah aber weist dem den Weg, dem Er will". Was mit dem "dem Er will" gemeint ist, wird weiter wie folgt erklärt: "und Er kennt jene am besten, die die Führung annehmen" (Sure 28, Vers 56). D.h. diejenigen werden von Gott rechtgeleitet, die die Rechtleitung suchen, sonst gibt es keine willkürliche Bevorzugung. Muhammad und den Muslimen stand lediglich (das gilt heute noch) die Aufgabe zu, den Nichtgläubigen den Inhalt der Lehre darzubieten und sie friedlich zur Annahme zu bewegen.

Die Art und Weise dieser werdenden Darbietung schildert der Koran (Sure 16, Vers 125): "Rufe zum Weg deines Herren mit Weisheit und schöner Ermahnung auf, und streite mit ihnen auf die beste Art. Wahrlich, dein Herr weiß am besten, wer von seinem Weg abgeirrt ist." Dem Muslim steht es nur zu, den Schriftbesitzern und allen anderen in drei Etappen zu begegnen: erstens mit Weisheit ‚ d.h. auf der Basis der von beiden Gesprächspartnern anerkannten Prinzipien, Regeln und Werte; zweitens mit schönen Ermahnungen‚ d.h. mit den vom Gesprächspartner angenehm, annehmbar und akzeptabel empfundenen Ermahnungen im Rahmen seiner ohnehin bestehenden Verbindungen mit Gott; schließlich und drittens (wenn sich der Gesprächspartner nicht auf die beiden ersten Schritte einlässt) mit Streitgesprächen.

Sie zielen darauf, den Partner auf Grund seiner eigenen Argumentation (der Form und dem Inhalt nach) von dem Gegenteiligen zu überzeugen. Dementsprechend hat der Koran mit den Schriftbesitzern Gespräche geführt, wobei er ihnen, sofern sie sich nach eigener Religion - die Juden nach der Thora und die Christen nach dem Evangelium - verhalten haben, hohes Ansehen gezollt hat. Die Christen gehörten sogar zu der Gruppe von Zakatempfängern (also Almose) (Sure 9, Vers 60). Eine der acht Gruppen von Zakat-Empfängern "...die, deren Herzen gewonnen werden sollen."

Gemeint sind hier die Christen, die sonst in der Gunst des Propheten und der Muslime standen. Entscheidend für die damalige Zeit und die Folgezeit sind die gesellschaftlichen Folgen der koranischen Toleranz den Juden und Christen gegenüber. Dreiundzwanzig Jahre friedliche und unfriedliche Beziehungen und Auseinandersetzungen mit den Juden und Christen voraussetzend, regeln in einer tribalen Gesellschaft, abschließend die zuallerletzt offenbarten Koranverse, die wichtigsten gesellschaftlichen Beziehungen der Muslime zu den Juden und den Christen, d.h. die Tischgemeinschaft und Vermählung mit ihnen.

Dass die koranische Toleranz von den Gefährten des Propheten sehr ernst genommen wurde, zeigt der Vertrag aus dem 7. Jahrhundert, den der zweite mächtige Kalif Omar mit den christlichen Palästinensern und auch mit den ägyptischen Christen in Alexandria abschloss. Die wichtigsten Passagen, die ich hier, interessanterweise sogar aus einem Schulbuch zitiere, lauten: "Im Namen Allahs des Allerbarmers des Barmherzigen. "Dieser Vertrag gilt für alle christlichen Untertanen, Priester, Mönche und Nonnen. Er garantiert ihnen Schutz, wo immer sie sich befinden. Derselbe Schutz wird der christlichen Kirche, ihren Häuptern und Pilgerstätten zugesichert, ebenso denen, die diese Stätten aufsuchen, Pilgern nach Palästina und all denjenigen, die den Propheten Jesus anerkennen."

Diese alle verdienen Rücksichtnahme, die sie zuvor durch eine Urkunde des Propheten Muhammad geehrt worden sind: "Er hat unter ihn sein Siegel gesetzt und uns nachdrücklich befohlen, gütig zu ihnen zu sein." Diese Art Toleranz hat sich natürlich nicht immer in der Geschichte fortgesetzt. Eine Zeitlang fanden die Eroberungen im Sinne der Verteidigung oder Vorbeugung statt, aber sehr schnell haben die Eroberungen eine andere Form angenommen - nämlich die eines reinen Herrschaftskrieges.

Es ist heute für uns wichtig, diese beiden Arten von bereits stattgefundenen Kriegen auseinander zu halten. Aber selbst dort, wo die Kämpfe unter dem Vorzeichen der reinen Herrschaftssucht geführt wurden, genossen die Juden und Christen als Minderheit innerhalb der islamischen Gemeinschaft zumindest die Freiheit, als Jude und Christ ihrem Glauben nachzugeben und dem entsprechend zu leben.

Wäre das nicht der Fall gewesen, so gäbe es heute in den islamischen Territorien keine Juden und Christen, wie dies einst im christliche Abendland der Fall gewesen ist. Auf alle Fälle muss ich zugeben, dass die koranische Toleranz selten in ihrer Tiefe erkannt und praktiziert wurde.

Am schlimmsten ist - und das geht an die Adresse der Muslime selbst - die Intoleranz unter der Muslimen selbst. Die Geschichte zeigt, dass es leider mehr schreckliche Kriege unter den Muslimen gegeneinander gegeben hat als gegen Andersgläubige. Genauso verhält es sich auch mit den Christen: Auch die christliche Welt hat im Laufe der Jahrhunderte viel mehr Kriege unter sich geführt als gegen Andersgläubige. Die heutigen Beispiele sind Katholiken und Protestanten in Irland. Worin liegt dies begründet? Das kann ich hier nicht erörtern, ich überlasse es jedem einzelnen von uns.

Im Islam spielt die Menschlichkeit eine zentrale Rolle, da der Mensch mit Verstand und Vernunft von Gott geehrt wurde. Der Mensch soll sich damit vom Tier unterscheiden, sich dessen bewusst sein und Mitgefühl walten lassen. Als Beispiel gibt es selbst in der Verteidigung bestimmte Vorschriften und Würdigung des Lebens, die darin begründet liegen, dass Gott allein der Schöpfer und Nehmer ist. So heißt es im Koran: "Wer einen Menschen tötet, es sei denn als Sühne für einen ungerechten Mord oder um Unheilstiften auf Erden zu verhindern, dem sei es so, als habe er die gesamte Menschheit getötet." Muslime sollen das gerechte Maß nicht überschreiten.

Der Gesandte selbst sagte, im Islam sei der goldene Mittelweg wichtig und Extreme jeglicher Art seien zu vermeiden. Dies wird durch die Aussprache des Gesandten verdeutlicht, indem er sagt: "Kein Mensch soll sich in Extremen verlieren, was die Angelegenheiten des Glaubens anbelangt, sonst wird ihn die Religion überwältigen. Darum übertreibt nicht und untertreibt nicht, seid damit zufrieden und sucht Gottes Hilfe im Gebet am Morgen und am Abend und im letzten Teil der Nacht."

Achtung und Respekt vor Frauen spielen eine große Rolle, der Gesandte betonte sehr oft: "Der vollendete Muslim im Glauben ist derjenige, der ein vorzügliches Benehmen hat, und die besten unter euch sind jene, die ihre Ehefrauen am besten behandeln."

Und als ein Mann den Gesandten fragte, welcher Mensch die höchste Ehrerbietung verdiene, da erwähnte der Gesandte dreimal die Mutter, bevor er den Vater nannte.

Also ist der Islam, wenn man sich auf die Spuren des Gesandten begibt, eine liberale und sehr vernunftsbezogene Religion, basierend auf Menschlichkeit, Demut, Toleranz und Kommunikation.

Leider sind es die Menschen, die die Religion für eigene Zwecke benutzen (Macht und Geld), die Böses, das sie tun, mit dem Spruch "Gottes Wille" rechtfertigen.

Quellen:

  • 1. www.swr.de, Ulrich Pick, SWR -Korrespondent in Istanbul
  • 2. www.way-to-allah.com, 25.09.1999 zazouk/ Fussl/ Hanel
  • 3. Koran
  • 4. Ulf Gerkanne, Muslime in Deutschland, Kap. 6