Vorträge

Um die Vielfalt der Freimaurerei und ebenso die Vielfalt unserer Loge zu illustrieren, haben wir hier einige auf Gästeabenden gehaltene Vorträge zusammengestellt. Wir weisen darauf hin, daß jeder Freimaurer seine ganz persönliche Sicht auf die Freimaurerei hat - die im folgenden geäußerten Meinungen sind also keine Dogmen, sondern die persönlichen Auffassungen des jeweiligen Autors. Sie können somit auch der Meinung eines anderen Bruders bzw. einer anderen Schwester widersprechen - sie sind also immer offen für Kritik und konstruktive Diskussionen.

"Melencolia I" von Albrecht Dürer, Kupferstich, 1514

Gästabend vom:

05.06.2009Gotische Dombauhütten(3 Kommentare)
11.04.2008Toleranz im Islam(7 Kommentare)
07.09.2007Die Bearbeitung des Steines
13.04.2007Vortrag zur Lichteinbringung(1 Kommentar)
16.02.2007Das Ritual - Relikt, Notwendigkeit oder Tor zu Höherem?(2 Kommentare)
21.04.2006Humanität und Freimaurerei(1 Kommentar)
19.05.2005Toleranz und Freimaurerei(2 Kommentare)
04.12.2004Das weibliche und das männliche Prinzip in der Freimaurerei(8 Kommentare)
28.09.2004Ist Geiz geil?(10 Kommentare)
25.03.2004Freimaurerei zwischen Tradition und Fortschritt(1 Kommentar)
18.10.2002Die Freimaurer: Ein alter Weisheitsbund für die moderne Zeit(9 Kommentare)

Die Wurzeln der Freimaurerei in den Bauhütten der gotischen Kathedralen

von Sr. Helga

Bekanntlich gilt das Jahr 1717 als das Gründungsjahr der Freimaurerei, nämlich als sich drei Logen in London zu einer ersten Großloge zusammenschlossen. Ab diesem Zeitpunkt ist die weitere Entwicklung gut dokumentiert. Die Zeit davor hat jemand einmal als die „prähistorische Zeit” der Freimaurerei bezeichnet. Klar ist, wenn sich 1717 drei Logen zusammengeschlossen haben, muss es vorher schon Logen gegeben haben. Aber wie weit die Wurzeln zurückreichen, darüber kann man eigentlich nur spekulieren bzw. Indizienbeweise suchen, denn dass sie weiter zurückreichen müssen, dass sich nicht irgendjemand erst 1717 aus dem Nichts heraus das freimaurerische Ritual „ausgedacht” haben kann, ist für jeden offensichtlich, der unser Ritual kennt bzw. mit ihm arbeitet. Man spürt dann, dass es über lange Zeit gewachsen sein muss und durch häufigen Gebrauch mit Kraft aufgeladen wurde. Anklänge an die antiken und ägyptischen Mysterien sind in dem Ritual kaum zu verleugnen. Aber es gab auch in der mystischen Tradition des Islam, bei den Sufis, um 800 n. Chr. herum eine Gruppierung, die sich „die Baumeister” nannte, eine interkonfessionelle, unpolitische Bruderschaft, die mit Symbolen aus dem Bauhandwerk arbeitete, ihr Tun als „Königliche Kunst” bezeichnete (wie wir Freimaurer es auch heute noch nennen) und eine frappierende Ähnlichkeit zu all dem hatte, was Freimaurer tun und wollen. Was aus diesen Baumeistern geworden ist, weiß man nicht; sie scheinen irgendwann spurlos untergegangen zu sein. Andererseits gibt es auch zur jüdischen Mystik der Kabbala Parallelen, die eine Abstammung oder zumindest Beeinflussung der Freimaurerei nahe legen. Alchimistische Elemente lassen sich ebenso ausmachen wie gnostische, von der Hypothese der Abstammung der Freimaurerei von den Templern einmal ganz abgesehen. Und es lag natürlich auch nahe, den Schutzpatron der Steinmetze, Johannis den Täufer, als ersten Freimaurer zu reklamieren, denn natürlich werden neben all den anderen Strömungen auch christliche Elemente eingeflossen sein: Die gotischen Kathedralen waren schließlich christliche Kirchen, und ihre Erbauer wären sehr erstaunt gewesen, wenn wir ihr Bekenntnis zum Christentum anzweifeln würden, – auch wenn ihr Wissen weit darüber hinausging.

Eines fällt allerdings auf: dass immer wieder Mathematiker mit der Freimaurerei in Verbindung gebracht wurden. Zum ersten Mal wurde die Freimaurerei im Regius-Gedicht 1389 gewähnt und Euklid als Urvater genannt, ein Mathematiker. Die zweite Erwähnung finden wir im Cook-Manuskript von 1410. Nach diesem soll Jabal der erste Freimaurer gewesen sein: einer der drei Söhne von Lamech, einem Nachfahren von Kain. Jabal wird zunächst als „Zeltebauer” bezeichnet, aber nach der jüdischen Tradition (nicht der Bibel) gilt er als Häuserbauer. Nach dem schon erwähnten Cook-Manuskript erfand Jabal die Geometrie (früher mit Mathematik gleichgesetzt) und die Masonry, d.h. Steinmetzkunst. Jabals Bruder Jubal soll übrigens die Musik erfunden haben, und wir werden noch sehen, dass Geometrie und die Musik ebenso miteinander „verwandt” sind wie die beiden Brüder. Auch ein anderer großer Mathematiker, nämlich Pythagoras, ist immer wieder als Gründer der Freimaurerei angesehen worden. Ausgerechnet also die Mathematik, die nüchternste und rationalste, die abstrakteste aller Wissenschaften, soll etwas mit der angeblich so geheimnisumwitterten und spirituellen Freimaurerei zu tun haben. Aber das lässt sich gut mit der einzigen Abstammungslinie, die sich mit Sicherheit zurückverfolgen lässt, vereinbaren: mit der Herkunft aus den Bauhütten der Dombaumeister der Gotik. Aus dieser Tradition stammen ohne Zweifel unsere freimaurerische Symbolik und unser Brauchtum, und in ihr spielte die Geometrie eine eminent wichtige Rolle. Darauf werden wir noch eingehend zurückkommen. Aus dem Verständnis des Geistes der Gotik lässt sich vieles erklären, was in der heutigen Freimaurerei praktiziert wird.

Der Geist der Gotik

Wenn Städtenamen wie Chartres, Reims, Amiens hört und wahrscheinlich als erstes an deren Kathedralen denkt, wenn man sich bis heute noch als Fremder in Städten wie Straßburg, Köln, Regensburg, Freiburg, Magdeburg oder Ulm schon von Ferne an dem Dom orientieren kann, ist klar, dass dieser das beherrschende und zentrale Bauwerk der Stadt war. Die Kathedralen sind als die „Hochhäuser” oder auch „Wolkenkratzer” der gotischen Stadt bezeichnet worden. Im Mittelalter waren sie noch dazu meist von einem weiten freien Platz umgeben, an den in respektvollem Abstand kleine winklige Fachwerk- und Holzhäuschen grenzten. Die Kathedrale war oft der einzige Steinbau und in der Stadt das absolut dominierende Gebäude an Höhe und Ausmaß, aber auch an Ausstattung. Die Bezeichnung Kathedrale, Dom oder Münster bedeutet immer, dass sich dort ein Bischofssitz befand. Es handelte sich also auch um ein herausragendes geistiges bzw. geistliches und kulturelles Zentrum.

Das Labyrinth im Hauptschiff der Kathedrale von Chartres

Wir müssen uns vor Augen halten, dass das Mittelalter ein frommes Zeitalter war. Eine seiner Schlüsselfiguren war Bernhard von Clairvaux, dem der Zisterzienserorden seinen Aufstieg verdankt und der die Entwicklung des Jungfrauenkultes vorangetrieben hat. Viele Kirchen in Frankreich heißen deshalb „Notre Dame”. Nur ein Beispiel: Bei Notre-Dame von Chartres ist die Beziehung zum Jungfrauenkult besonders offensichtlich: Sie ist über einer uralten Grotte errichtet, in der schon lange in vorchristlicher Zeit eine schwangere Jungfrau, eine Schwarze Madonna, verehrt wurde. Der Name dieser Grotte ist erhalten geblieben als Druidengrotte, aber wahrscheinlich ist sie noch älter als das Keltentum, und die Schwarze Madonna, die alte Erdgöttin, mag früher Isis oder Demeter oder Belisama geheißen haben. Diese Grotte war ein Kraftort, wo tellurische Ströme an die Erdoberfläche traten, wo man im Schoß der Erde den Kräften der Erde ganz nahe war. Neben der Grotte befand sich ein Brunnen, Le Puits des Forts, der Brunnen der Starken, der Eingeweihten, so wie sich auch später in jeder Kathedrale ursprünglich in Höhe des Chores ein Brunnen befand. Erde und Wasser also; und wenn wir dann sehen, wie sich die Dome mit ihren vielen Türmen, Fialen und Strebepfeilern in die Luft strecken, in das Luftmeer eintauchen, und bewundern, wie sie durch ihre vielen großen, heute leider selten nur noch erhaltenen Fenster und filigranen Ornamente das Licht auffangen und in einen wahren Farb- und Feuerregen verwandeln, dann ahnen wir bereits, dass hier eine alchimistische Synthese von Erde, Wasser, Luft und Licht erstrebt wird, die „den Menschen veredeln sollte zu einer höheren Form seiner selbst”: Das ist es, was sowohl die gotischen Kathedralen als auch die zu dieser Zeit ja ebenfalls blühende Alchemie als auch die heutigen Freimaurer bewirken wollten und wollen.

Zur Geschichte

Ein ganz merkwürdiges Phänomen ist, dass die Gotik „plötzlich” um 1130 da war, ein völlig anderer Stil als die Romanik, ohne Vorläufer, ohne Experimentalphase, von Anfang an vollendet in ihrer Formensprache, ein ganz anderes Lebensgefühl ausdrückend als die Romanik. Man kann nicht erklären, woher der Stil kam. Es wurden völlig neue Bauhütten gegründet. Die bestehenden romanischen Bauhütten bauten zunächst weiter romanisch und fügten später, als sie merkten, dass nun gotisch „modern” wurde, ihren Bauten einige gotische Stilelemente und Ornamente hinzu. Man hat das im Nachhinein freundlich-höflich als „Übergangsstil” bezeichnet, aber für den Betrachter ist meist offensichtlich, dass die romanischen Baumeister nur ein paar äußere Formelemente übernommen haben, aber den gotischen Geist gar nicht erfasst haben und nicht wussten, was ein gotischer Bau insgesamt darstellen sollte. Und – ebenso merkwürdig – der gotische Stil verschwand auch wieder, jedenfalls in seiner reinen Form, fast ebenso abrupt etwa um 1330. Zufällige zeitliche Übereinstimmung oder nicht: Der Zeitraum deckt sich in etwa mit der Zeit der Kreuzzüge der Templer: 1118 war der Templerorden gegründet worden, 1128 kehrten die ersten Tempelritter aus dem eroberten Jerusalem nach Europa, vorzugsweise nach Frankreich, zurück. 1312 wurde der Templerorden aufgehoben, 1314 der letzte Großmeister, Jaques de Moley, auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Ob die Templer irgendwelche Erkenntnisse, spiritueller, weltanschaulicher oder bautechnischer Art, aus dem Vorderen Orient mitgebracht haben – und ein geistiger Austausch hat dort zweifellos stattgefunden – , wir wissen es nicht.

Die erste gotische Kirche war die von Abt Suger gebaute Klosterkirche von Saint-Denis in der Nähe von Paris um 1130. Von der Ile-de-France breitete sich der neue Stil über ganz Europa aus. Im 2. Drittel des 12. Jh. kam es geradezu zu einer „Kathedraleneuphorie”, in der das aufstrebende Bürgertum mit großem Lokalpatriotismus seine jeweilige Heimatstadt voll Stolz mit einer noch beeindruckenderen und prächtigeren Kirche schmücken wollte als die Konkurrenzstädte. Es war wie ein „Weltrekordfieber”: noch größer, noch höher, und dann gegen Ende der Hochzeit manchmal über die technischen Möglichkeiten hinaus, sodass gelegentlich auch Gewölbe einstürzten, wie in Beauvais (1284).

Steinmetzhandwerk in der Gotik

Frömmigkeit bestimmte das Alltagsleben der Menschen. Der Bildungsunterschied zwischen Adel, Bürgertum und gemeinem Volk war nur ein gradueller: Alle kannten die Geschichten der Bibel und der Heiligen von Klein auf und teilten die gleiche Bilderwelt. Es hatte auch am Bau jeder, unabhängig von seiner Herkunft, seine Aufstiegschance bis in hohe Positionen, er konnte auch Baumeister werden; das war nur eine Frage seiner Begabung und seines Fleißes.

Am Bau waren – außer Zimmerleuten, Dachdeckern, Gerüstbauern usw. – als mit Stein Arbeitende die eigentlichen Maurer (vor allem Steinleger, rough masons), die Steinbrecher (hard heavers) und die für die feineren Arbeiten zuständigen Steinmetze (freestone masons, wovon sich – nach einer Interpretation – der Name „Freimaurer” ableiten könnte), zu denen auch die Bildhauer gehörten, tätig, außerdem Gipser und Mörtelmacher, unter denen sich gleichberechtigt und gleich bezahlt auch Frauen fanden, manchmal sogar auch unter den Maurern.

Die Steinmetze, von denen sich die Freimaurer ableiten, hatten eine fünfjährige Lehrzeit zu absolvieren, ehe sie „spruchreif” waren, d.h. in die „Sprüche”, die Erkennungszeichen, eingeweiht wurden – wahrscheinlich ähnlich wie bei uns heutigen Freimaurern – und ihr Steinmetzzeichen erhielten. Dieses an die bearbeiteten Steine anzubringen, war wichtig: Man wurde nämlich nach der Stückzahl der persönlich gekennzeichneten bearbeiteten Steine bezahlt. Auch die Baumeister arbeiteten körperlich wie jeder andere am Bau mit – jedenfalls bis ins 13. Jahrhundert hinein. Sie waren Praktiker, die keine statischen Berechnungen anstellten, sondern den Dom aufgrund von rein handwerklichen Erfahrungswerten und – das war das Wichtigste – nach Bedeutungsgesichtspunkten entwarfen.

Die Steinmetze bewahrten ihr Werkzeug in der Bauhütte, auch Loge genannt, neben dem Dom auf, wo sie auch aßen, bei Regenwetter arbeiteten, sich zu Besprechungen und Feierlichkeiten trafen usw. Die Nächte verbrachten sie nicht dort, sondern in Gasthöfen oder Privatquartieren.

Die Steinmetze fühlten sich unter den übrigen am Bau Beschäftigten nicht als etwas Besonderes, nicht als Künstler in unserem Sinn – dieser Wandel trat erst in der Renaissance ein – , sondern sie waren in der Gotik noch Handwerker wie alle anderen mit ungefähr dem gleichen Lohn wie die Maurer. Beide durften Gehilfen zu ihrer Unterstützung beschäftigen.

Alles, was mit dem Bau und der Unterhaltung des Bauwerks, vor allem auch mit der Finanzierung und Materialbeschaffung zusammenhing, unterstand dem Kapitel, und dieses wiederum war unabhängig vom Bischof. Der Bischof hatte zwar sein Plazet für den Bauplan zu geben, hatte dann aber keinerlei Einfluss mehr auf das Geschehen am Bau und durfte sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Menschen, die dort arbeiteten, einmischen. Die Steinmetze schlossen sich als Bruderschaft zusammen, eine festgefügte Gemeinschaft, hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit und unterlagen keinem Zunftzwang, d.h. konnten frei ihre Arbeitsstelle in ganz Europa wählen (das ist die andere mögliche Ableitung des Namens „Freimaurer”). Während in den sonstigen ortsgebundenen Handwerkszünften nur die Meister vereinigt waren und die Gesellen ihre eigenen Bruderschaften hatten, gehörten den Bauhütten Meister und Gesellen gleichermaßen an. Sie waren „freie Männer”, selbstbewusst und stolz auf ihr handwerkliches Können, und ein „guter Ruf” sowie die Verpflichtung auf ethische Grundsätze waren selbstverständliche Voraussetzungen für die Aufnahme in die Bruderschaft (auch das ist nach den sog. „Alte Pflichten” heute noch so).

Das geistige Ziel

Was war nun das geistige Konzept, das hinter diesem eigentümlichen Stil der Gotik stand, den man schon in der Renaissance (Vasari) nicht mehr verstand und als „barbarische Verfallskunst” (Goten = Barbaren) verächtlich machte?

Schon rein äußerlich fällt auf, dass eine in dem Vorgängerstil der Romanik gebaute Kirche (Speyer, Aachen, Hildesheim, Maria Laach, Alpiersbach) statisch wirkt, optisch eine von oben nach unten weisende, ja drückende Kraft vermittelt. Dieser Eindruck entsteht dadurch, dass das Gewölbe auf den Mauern lastet. Die Kraft der Gotik dagegen ist eine dynamisch emporstrebende, scheinbar die Wirkung der Schwerkraft umkehrende: ein völlig anderer Ansatz. Die gotische Kirche repräsentiert nicht mehr die in sich ruhende Glaubensgewissheit, sondern den Weg zu Gott, der erst gesucht und erkämpft werden muss. Aber unter dem Spitzbogen richtet sich der Mensch förmlich auf, er erwacht zum Bewusstsein seiner Individualität als Gleicher unter Gleichen, -- ich würde sagen, ein geradezu freimaurerisches Lebensgefühl.

Der entscheidende bautechnische Unterschied zur Romanik liegt in der Wölbungstechnik, mit der sich auch die Struktur der Mauern ändert. Die gotische Kreuzrippenwölbung ist ein selbst tragendes und in der Grundrissform bewegliches System, das auch ohne die füllenden Gewölbeflächen statisch ausbalanciert ist. Das bedeutet, dass die Mauern zwischen den Pfeilern und Dienstbündeln keine tragende Funktion mehr haben, sodass man sie mit Öffnungen und Fenstern versehen, ja z.T. durch diese ersetzen kann, sodass geradezu „Lichtschreine” entstehen können, und genau das entspricht der Absicht: die Wände „durchscheinend” zu machen, Licht hineinzulassen, die Grenze von außen und innen transparent zu machen, das scheinbar Unvereinbare, die Abgrenzung eines Raumes und gleichzeitig die Aufhebung dieser Abgrenzung, zu schaffen. Denn – und das ist das Hauptcharakteristikum der Gotik – die Idee war, das Himmlische Jerusalem der Geheimen Offenbarung des Johannes auf der Erde zu errichten. Für die Vision des Johannes war schon der Salomonische Tempel das präformierende Vorbild, der ja auch deshalb bis heute für die Freimaurer symbolische Bedeutung hat. Eine völlig verrückte Idee: den Himmel auf die Erde holen zu wollen.

Das mittelalterliche Denken war durchdrungen von dem symbolischen Charakter der Erscheinungswelt; das Sichtbare – glaubte man – spiegelt das Unsichtbare wider, und es ging darum, die wahre Natur der nur scheinbar wirklichen Welt zu verdeutlichen, das Unten mit dem Oben zu verbinden. Deshalb war es ein Anliegen, Materie zu vergeistigen, die Trägheit der Materie aufzuheben oder wenigstens die Trägheit, die Schwere unsichtbar zu machen, sodass nur die aktive, nach oben gerichtete Kraft spürbar bleiben sollte. Der Kirchenbau war also sinnbildlich und liturgisch ein Abbild des Himmels. Häufig wurde die Decke deshalb auch als Sternenhimmel bemalt, wie das auch heute noch in manchen Freimaurertempeln zu sehen ist.

Bei diesem Konzept spielte Licht natürlich eine wesentliche Rolle. Licht wurde als die der Materie am meisten entrückte Naturerscheinung betrachtet, als die größte Annäherung an die reine Form, an das Göttliche. Das reine weiße Licht, aus dem alle anderen Farben des sichtbaren Spektrums hervorgehen, wurde als eine transzendentale Wirklichkeit aufgefasst, die das Universum erschafft, das Gemeinsame aller Dinge ist und sie zu einer Einheit verbindet, Licht auch als letzte Metapher des vollkommenen Geistes, der Einheit alles Irdischen miteinander ebenso wie der Einheit von Schöpfer und Geschöpf, Licht, das unseren Geist erhellt, damit er die Wahrheit erkenne. Die Trias Licht, Wahrheit, Erkenntnis ist auch heute noch ein zentrales Thema der Freimaurerei. Freimaurerei ist immer noch „Lichtkult”.

Glasfenster in der Kathedrale von Chartres

Und so, wie in der Bibel das Himmlische Jerusalem als von lauter Edelsteinen glänzend beschrieben wird, so verwandelten die farbigen Glasfenster der gotischen Kathedralen den Innenraum so, als wenn die Wände aus Edelsteinen beständen, ein gebrochenes, mystisches, irreales, überirdisches Licht, das durch die heiligen Bilder der dargestellten Glaubenswahrheiten fiel und seinen göttlichen Ursprung dadurch offenbar werden ließ. Dieses Licht war für die Menschen der Gotik Quelle und Wesen aller sichtbaren Schönheit, und Schönheit bedeutete einerseits lichte Klarheit, andererseits aber auch die rechten Proportionen als Zusammenklang der Einzelteile.

Musik und Geometrie

In gleicher Weise wie das Licht gewährten nach mittelalterlicher Vorstellung auch musikalische Harmonien einen Einblick in die Vollkommenheit des Kosmos. Keplers „Harmonie der Sphären”, die Sphärenklänge, wollte man nicht nur durch hörbare Musik, die gregorianischen Gesänge, verstärken, sondern auch durch die sichtbare Musik der geometrischen Harmonie der Proportionen und Bauformen. Gotische Kathedralen sind als Musikinstrumente bezeichnet worden. Die Spitzbögen wirken wie steinerne Sprungfedern, die sich in fortwährender Spannung befinden und, in Schwingung versetzt, zum „singenden Stein” werden können.

Und – wie schon eingangs angedeutet: „Musik und Geometrie sind Schwestern”, wie schon die alten Griechen wussten. Musik und Geometrie beruhen auf den gleichen Gesetzen harmonischer Proportionen, und vollkommene Akkorde können mit geometrischen Mitteln zur Anschauung gebracht werden. Schon in der Antike – allen voran Pythagoras – glaubte man, dem Göttlichen durch Zahlen, durch Geometrie und Arithmetik, am Nähesten kommen zu können. Wenn man den Satz der Bibel ernst nahm: „Du, Gott, hast alles geordnet nach Maß, Zahl und Gesetz”, dann mussten Maß und Zahl der Schlüssel sein, hinter das Geheimnis der Schöpfung zu kommen.

Winkelmaß und Zirkel sind heute die bekanntesten Symbole der Freimaurerei: Geräte zum geometrischen Zeichnen, auch von Bauplänen. Der Grundrissplan eines Doms besteht aus Vierecken, Dreiecken und Kreisbögen, – und alle diese Figuren haben natürlich eine symbolische Bedeutung. Es gab im Mittelalter bei Baumeisterkonferenzen nie eine Diskussion darüber, ob ein Dom nach geometrischen Grundsätzen zu bauen sei, sondern nur darüber, ob das Viereck oder das Dreieck zugrunde gelegt werden müsste – unter symbolischen Gesichtspunkten natürlich. Wir Freimaurer bewegen uns im Tempel in einem Viereck, alle vier Himmelsrichtungen im Sonnenlauf durchschreitend und uns gedanklich damit in eine höhere Ordnung einordnend. Oder, um noch ein anderes Beispiel für den symbolischen Hintergrund geometrisches Denkens zu bringen: die allereinfachste geometrische Figur, der Punkt, ist in der „wahren” Mathematik das kleinste Unteilbare, also eine mathematische Fiktion, die es in der Realität gar nicht gibt. Wenn wir einen Punkt mit dem spitzesten Bleistift zeichnen, ist er bereits eine Anhäufung von vielen, vielen winzigen Punkten, d.h. eine Vielheit. Wenn also der ideale, mathematisch definierte Punkt (aus dem Reich der Ideen) sichtbar gemacht wird und in das Reich der Erscheinungen tritt, verliert er das Präzise, wird ungenau, unvollkommen, wie alles in der Welt des Materiellen. Der irdischen Genauigkeit sind Grenzen gesetzt. Wir sind nicht in der Lage, einen „idealen” rechten Winkel oder zwei Parallelen, die sich nicht irgendwo im Unendlichen treffen, zu zeichnen. Die darstellende Geometrie ist nur eine Näherungsgeometrie. Wirklich exakt ist nur die abstrakte Mathematik, und auch nur soweit es sich um ganze („rationale”) Zahlen handelt. Oft muss auch mit sog. transzendenten oder irrationalen Zahlen gerechnet werden, so etwa der Kreiszahl p, die auch bei unendlichen vielen Stellen hinter dem Komma nur ein Näherungswert ist, aber immerhin doch die bestmögliche Annäherung an das Unmessbare. Der in sich geschlossene, vollkommene, aber nicht ganz exakt mathematisch zu bestimmende Kreis symbolisiert deshalb das für den Menschen nicht Fassbare, das Göttliche.

Die große Bedeutung der Geometrie für die Dombaumeister und für die Freimaurer ist damit nur angedeutet. Platon, der über seine Akademie geschrieben hatte: „Kein der Geometrie Unkundiger trete unter mein Dach”, d.h. wer die Geometrie nicht begriffen hat, braucht sich an philosophische Gedankengänge gar nicht heranzuwagen, fasste es so zusammen: „Die Bedeutung der Geometrie beruht nicht auf ihrem praktischen Nutzen, sondern darauf, dass sie ewige und unwandelbare Gegenstände untersucht und danach strebt, die Seele zur Wahrheit zu erheben”, – das ist letztlich auch das Ziel der gotischen Dome und der Freimaurerei. Deshalb auch die rhetorische Frage eines Baumeisters (Bruyne): „Muss nicht auch die ideale Kirche nach den Gesetzen des Universums gebaut werden?” Die Anwendung der „vollendeten” geometrische Proportionen war zugleich die technische Voraussetzung wie auch das ästhetische Postulat und auch Ausdruck der gesamten zugrundeliegenden Philosophie. Auf den geometrischen Regeln beruhte sowohl die Standfestigkeit und die Schönheit des Domes als auch das geistige Ziel. Die Kathedrale war der Versuch, die Struktur des Universums nachzubilden, und verstand sich als ein Modell des mittelalterlichen Weltbildes. Der Baumeister, der seinen Dom gemäß den Gesetzen harmonischer Proportionen entwarf, ahmte nicht nur die Ordnung der sichtbaren Welt nach, sondern vermittelte auch zumindest eine Andeutung von der Vollkommenheit des Reiches Gottes, des „Großen Baumeisters aller Welten”, wie die Freimaurer sagen, der für die Dombaumeister das Vorbild für ihr irdisches Bauen war. Der Mensch, der eine Kathedrale betritt, fühlt, dass er Teil dieser höheren Ordnung ist, die ihn trägt und aus der er nicht herausfallen kann, ein Gedanke, der bis heute in unserem Ritual enthalten ist, wenn wir den Tempel umschreiten.

Nach Carpentier bedurfte es zur Erstellung des Bauplans einer Kathedrale einer „Formel in heiliger Sprache”, vielleicht eines Wortes, des verloren gegangenen Schöpfungswortes (Biedermann), das „alles mit allem wieder verbindet und ihm einen Sinn gibt” (M. Ende)? Die Buchstaben dieses Wortes, kabbalistisch entziffert, ergaben Zahlen. Nach dieser Formel, in die die Beziehung der zu Baubeginn bestehenden Gestirnskonstellation zu der geographisch/geologische Beschaffenheit des für die Kathedrale ausgewählten Ortes und zu der für den Bau zur Verfügung stehenden Gesteinsart einging, wurde ein Modul berechnet, nach dem alle Proportionen des Baues gemessen wurden. Die Formel soll die unverwechselbare Grundgestalt des Bauwerks und ihre Wirkung auf den Menschen enthalten haben. Vielleicht war sie das eigentliche Geheimnis der Baumeister, – aber da sind wir schon wieder im Bereich von Spekulationen.

Übergang zur „spekulativen” Maurerei

Das Ende ist schnell erzählt: Ende des 13. Jahrhunderts war die Hochzeit der Gotik vorbei, auch wenn sie in manchen Ländern noch wesentlich länger andauerte. In Deutschland z.B. wurde immer noch im gotischen Stil gebaut, als in Italien längst schon die Renaissance angebrochen war. Aber alles, was nach ~ 1300/30 gebaut wurde, war nur noch die formale Fortführung eines Stils, dem der Geist, das Verständnis für die dahinterstehende Gedankenwelt fehlte. Die Bauhütten, die einmal einen völligen Stilwandel eingeleitet hatten, waren nur noch Träger einer Stiltradition, die sich im Äußeren, im Dekorativen und Ornamentalen erschöpfte (flamboyant, perpendicular). Es kam nichts Neues, weder technisch noch an Ideen, mehr dazu; das Genie der Kathedralenbauer war erloschen. Und auch die Gesellschaft hatte sich gewandelt: Die Religiosität und die Begeisterung der Bevölkerung hatten sich abgekühlt, das Ansehen des Papstes war merklich geschrumpft, es wurden keine neuen Abteien und auch keine neuen Städte mehr gegründet, die Wirtschaft lag danieder bis zu einer echten Wirtschaftskrise 1337; die Pest 1350, Bauernaufstände, der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England, all das trug zum Niedergang der Bauhütten bei. Und vielleicht hat auch das Ende des Templerordens (1312) eine Rolle gespielt, – auch darüber dürfen wir weiter spekulieren.

Nach dem 15. Jahrhundert wurden vor allem in England und Schottland auch Berufsfremde in die Bauhütten aufgenommen: Zunächst werden das die mit der Überwachung der Baustellen beauftragten Geistlichen, die Proviseure der Kapitel, gewesen sein, später die Bürgermeister, dann auch andere Gebildete, die sich für das Wissen der Baumeister interessierten. Nach und nach nahmen die Handwerkshütten die Züge spekulativer Logen an. Wahrscheinlich sollte mit ihnen das geistige Anliegen und das Wissen der gotischen Baumeister über die Zeiten hinweggerettet werden. Wir heutigen Freimaurer haben die Wahl, dieses geistige Erbe anzunehmen und für uns fruchtbar zu machen oder einfach eine äußere Tradition zu pflegen: Ich hoffe, dass in unseren Logen das erstere geschieht.

Wahr aber bleibt auf jeden Fall ein Zitat des Heiligen Bernhard auch für uns heutige Freimaurer:

„Wir sind wie Zwerge auf den Schultern von Riesen. Wir sehen mehr als sie, aber nicht etwa, weil wir einen klareren Blick hätten oder höher gewachsen wären als diese, sondern weil wir dank ihrer enormen Größe höher emporgehoben sind.”

Literatur

1. Biedermann, H.: Das verlorene Meisterwort. Böhlau, Wien-Köln-Graz 1986.
2. Carpentier, L.: Die Geheimnisse der Kathedrale von Chartres. Gaia, Köln 1972.
3. Ende, M.: Der Spiegel im Spiegel. dtv, München 1993.
4. Gimpel, J.: Die Kahtedralenbauer. Deukalion, Holm 1996.
5. Gympel, J.: Geschichte der Architektur. Könemann, Köln 1996.
6. Hogben, L.: Die Welt der Mathematik. Buch und Welt, Klagenfurt, 1970.
7. Hofstätter, H. H., H. Stierlin (Hrsg.): Gotik. Architektur der Welt. Benedikt, Berlin.
8. Karlson, P.: Vom Zauber der Zahlen. Ullstein, Berlin 1954.
9. Simson, O. von: Die gotische Kathedrale. Wiss. Buchges., Darmstadt 1982.
6. Wein, B.: Die Bauhütten und ihre Entwicklung zur Freimaurerei. Bauhütte, Hamburg 1977.

Infos zur Autorin: Sr. Helga, geb. 1939, ist homöopathische Ärztin in München und Gründungsmitglied der "Neuen Werkstatt".

= schrieb am 08.02.2015 um 18:10 Uhr:



HALO schrieb am 26.01.2010 um 9:31 Uhr:
HAT SEHR GEHOLFEN
Wolfram Bühler schrieb am 08.09.2009 um 14:21 Uhr:
Vielleicht stösst die mathematische bzw. sakrale Komponente meiner Bilder (Zeichnungen) auf ein grundsätzliches Interresse.Zu "Sehen" unter www.transmetic.de

Herzliche Grüße,Wolfram Bühler

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Vortrag:
(Wird hier, unter dem Vortrag veröffentlicht.)

Ihr Name

Dieses Feld nicht ausfüllen!

Ihr Kommentar