Vorträge

Um die Vielfalt der Freimaurerei und ebenso die Vielfalt unserer Loge zu illustrieren, haben wir hier einige auf Gästeabenden gehaltene Vorträge zusammengestellt. Wir weisen darauf hin, daß jeder Freimaurer seine ganz persönliche Sicht auf die Freimaurerei hat - die im folgenden geäußerten Meinungen sind also keine Dogmen, sondern die persönlichen Auffassungen des jeweiligen Autors. Sie können somit auch der Meinung eines anderen Bruders bzw. einer anderen Schwester widersprechen - sie sind also immer offen für Kritik und konstruktive Diskussionen.

"Melencolia I" von Albrecht Dürer, Kupferstich, 1514

Gästabend vom:

05.06.2009Gotische Dombauhütten
11.04.2008Toleranz im Islam
07.09.2007Die Bearbeitung des Steines
13.04.2007Vortrag zur Lichteinbringung
16.02.2007Das Ritual - Relikt, Notwendigkeit oder Tor zu Höherem?
21.04.2006Humanität und Freimaurerei
19.05.2005Toleranz und Freimaurerei
04.12.2004Das weibliche und das männliche Prinzip in der Freimaurerei
28.09.2004Ist Geiz geil?
25.03.2004Freimaurerei zwischen Tradition und Fortschritt
18.10.2002Die Freimaurer: Ein alter Weisheitsbund für die moderne Zeit

Die Freimaurer: Ein alter Weisheitsbund für die moderne Zeit

Geheime Mystik oder Selbstvervollkommnung - oder doch nur ein Verein zur Traditionspflege?

von Sr. Helga

Als ich ungefähr acht Jahre alt war, kaufte sich mein Vater einen Frack. Das war auch damals kein modisches Kleidungsstück mehr, und auf jeden Fall nicht gerade eine der dringlichsten Anschaffungen für eine Flüchtlingsfamilie in den Nachkriegsjahren in einer niedersächsischen Kleinstadt. Allerdings war der Frack "second hand": die Hosenbeine und Schöße etwas zu kurz. Aber "Frack" war die vorgeschriebene Bekleidung: Mein Vater wurde damals nämlich als Freimaurer in die Loge aufgenommen. Lange hat er diesen Frack wohl nicht getragen; irgendwann wurde er durch einen Smoking ersetzt.

Auch heute noch tragen die männlichen Freimaurer zu besonderen rituellen Feierlichkeiten oft einen Smoking. Zu normalen "Tempelarbeiten", rituellen Handlungen, die auf Traditionen der mittelalterlichen Bauhütten zurückgehen und Symbole aus dem Bauhandwerk verwenden, in ihrem Versammlungsraum, den sie Tempel nennen, reicht meist ein dunkler Anzug. Freimaurerinnen kleiden sich dazu überwiegend mit einem (mehr oder weniger) langen schwarzen Rock und einer weißen Bluse oder einem anderen dunklen Gewand, je nach Übereinkunft in den einzelnen Logen.

Gemälde "Seelenvögel" von Jens Rusch

Was ich damals bei meinem Vater nicht gesehen habe, waren der so genannte Schurz, eine weiße Lederschürze, und weiße Handschuhe: Beides wird - das ist immer noch Tradition - nur im Tempel angelegt. Ein Paar weiße Handschuhe brachte er nach seiner Aufnahme auch meiner Mutter mit, die sie auch einmal im Jahr beim "Schwesternfest" anzog. (Die Ehefrauen von Freimaurern der Männerlogen werden Schwestern genannt, auch wenn sie selbst nicht Freimaurerinnen sind. Freimaurer/innen untereinander bezeichnen sich gegenseitig als Bruder bzw. Schwester.)

Die Loge meines Vaters war eine Männerloge, und in der Stadt gab und gibt es auch jetzt noch keine Möglichkeit für Frauen, freimaurerisch zu arbeiten. Auch heute sind die meisten Logen reine Männerlogen, was historisch so gewachsen ist (s.u.). Aber damals wie heute versuchen die Freimaurer, ihre Frauen und Partnerinnen in das allgemeine Logenleben einzubeziehen, auch wenn sie sie zu den eigentlichen Tempelarbeiten und Clubabenden nicht zugelassen. Meine Mutter ging also regelmäßig einen Nachmittag in der Woche ins Logenhaus zum "Schwesternkränzchen", und es gab auch gemeinsame gesellige Abende mit Musikaufführungen oder Vorträgen, zu denen auch ich als junges Mädchen gelegentlich mitgenommen wurde.

Der Freundeskreis meiner Eltern setzte sich im Wesentlichen aus Freimaurern zusammen: Am liebsten erinnere ich mich an ein Musikerehepaar, das in der Loge und bei Hauskonzerten ganze Opern, wie etwa Mozarts freimaurerisch inspirierte "Zauberflöte", aufführte und dem ich meine ersten musikalischen Erlebnisse verdanke. Im Brotberuf war "er" bei der gleichen Behörde angestellt wie mein Vater, und er war auch der Bürge meines Vaters: Jeder, der in eine Loge aufgenommen werden will, braucht einen (in manchen Logen auch zwei) Bürgen oder Paten, der bereits der Loge angehört und den Kandidaten so gut kennt, dass er sich für dessen guten Charakter verbürgen kann. Er kümmert sich dann auch während der ersten Jahre der Logenzugehörigkeit besonders um den Neuling.

Die anderen Freunde meiner Eltern waren z.B. ein Holzhändlerehepaar, ein Mathematiklehrer und seine Frau, ein Anwalt. Der "Meister vom Stuhl", der Vorsitzende der Loge, war von Beruf Förster, und der Loge gehörten auch ein richtiger Maurerhandwerker mit einem kleinen Baugeschäft und ein Gärtner an. Ich erinnere mich, wie mein Vater eines Abends nach Hause kam und meiner Mutter erzählte: "Der Bruder xxx - der Gärtner - hat heute eine großartige Zeichnung aufgelegt. Das hätte ich ihm nie zugetraut." "Zeichnungen auflegen" - dieser Ausdruck stammt aus der Geschichte der Freimaurerei (s.u.) - bedeutet Vorträge im Tempel halten, und das muss jeder einmal tun. Dabei wächst mancher über sich selbst hinaus, wie dieser Gärtner, und übt sich im Reden in diesem geschützten Freundeskreis, in dem man sich eigentlich gar nicht blamieren kann.

Ähnlich unterschiedlich wie der Freundeskreis meiner Eltern sind auch heute noch die meisten Logen zusammengesetzt. Das ist eines der Charakteristika der Freimaurerei: dass sich dort Menschen treffen, die im Alltags- und Berufsleben nie irgendetwas miteinander zu tun haben würden. Das macht heute das Logenleben interessant und den gedanklichen Austausch mit Leuten mit ganz unterschiedlichem beruflichen und geistigen Hintergrund anregend. Aber was es bedeutet haben muss in der Gründungszeit der Freimaurerei im 18. Jahrhundert, als es noch eine strenge Trennung zwischen den Ständen gab, wenn damals in der Loge ein Bürgerlicher und ein Künstler neben einem Adligen, ja manchmal sogar neben seinem Landesfürsten oder König - Friedrich der Große z.B. war Freimaurer - saß und mit ihm als "Bruder", als Gleichberechtigter auf gleicher Ebene, reden konnte, können wir uns heute kaum vorstellen. Das Verbindende damals wie heute war die gegenseitige Achtung und Respektierung als Mensch und als Bruder, die ähnliche Lebenseinstellung, das Einander-ernst-Nehmen.

Zur Geschichte der Freimaurerei

Offiziell datiert die Gründung der Freimaurerei am Johannestag - Johannes war der Schutzpatron der Werkmaurer - des Jahres 1717, als vier Logen in London sich zu einer Großloge, d.h. zu einem nationalen Dachverband, zusammenschlossen. Da die Freimaurerei also von London ausging, ist das Gros der Logen auch heute noch nach England, d.h. zur United Grandlodge of England, ausgerichtet. Die größte französische Großloge, der Großorient von Frankreich, hat sich 1877/78 davon gelöst: Seitdem gibt es neben dem englischen auch einen französisch beeinflussten Zweig der Freimaurerei, von dem 1893 die erste Loge für Männer und Frauen, der Droit Humain, gegründet wurde. Von ihr gehen praktisch alle "gemischten" Logen aus, auch wenn sie heute nicht mehr direkt zum Droit Humain gehören. In Deutschland wurde die erste Loge für Frauen und Männer 1921 in Frankfurt gegründet; sie gehört zu der deutschen Großloge für Männer und Frauen "Universaler Freimaurerorden Humanitas", die seit 1959 besteht. Die erste reine Frauenloge in Deutschland entstand 1949 in Berlin und war der Ausgangspunkt für die deutsche Frauengroßloge "Zur Humanität".

Geistige Wurzeln: Bauhütten und Mysterienbünde

Sehr viel interessanter als dieser äußere Zeitrahmen sind die geistigen Wurzeln der Freimaurerei: "Freimaurer" hat, wie der Name vermuten lässt, etwas mit "Mauern" zu tun. Die Maurer des Mittelalters, sozusagen die Vorfahren der heutigen Freimaurer, waren diejenigen, die die Dome und Kathedralen bauten, die Steinmetzen, die Dombaumeister. Neben den an die örtlichen Zünfte gebundenen Maurern gab es freie Maurer, die nicht dem Zunftzwang unterlagen, sondern das Recht hatten, sich Arbeit bei den Dombauhütten im gesamten Abendland zu suchen, und die auch mit besonderen Privilegien ausgestattet waren. Jede Bauhütte war eine Bruderschaft, die sich zusammengehörig fühlte, aber auch weit verzweigte Kontakte zu anderen Bauhütten pflegte, damals also schon ein länderübergreifendes Netzwerk. Es war üblich, dass die Gesellen - und nicht nur die aus dem Bauhandwerk - "wanderten", an unterschiedlichen Orten Berufserfahrungen sammelten. Dabei mussten sich natürlich bei einer neuen Arbeitsstelle, einer anderen Bauhütte irgendwie ausweisen können, mussten nachweisen, welche Freisprechungen sie schon erworben hatten. Das geschah durch bestimmte Erkennungszeichen, -wörter und festgelegte Wechselgespräche, die natürlich geheim bleiben mussten, damit sich niemand einschleichen konnte, der die entsprechende Lehre nicht durchgemacht hatte. Außerdem gab es auch spezielles Fachwissen, z.B. über Bautechnik, Statik, Baupläne, Dinge, die man heute unter Patentschutz stellen würde, die aber damals nur zu schützen waren, wenn alle an dem Bau Tätigen zur Geheimhaltung verpflichtet waren. Aber nicht nur das rein technische und handwerkliche Know-how war schutzwürdig. Ein gotischer Dom - man stelle sich etwa den von Köln, Straßburg oder Chartre bildlich vor - ist ein sakrales Bauwerk, bei dem man fast spürt, dass ein ganzes Weltbild dahintergestanden haben muss. Als den idealen Dom, den "Prototypen", sahen die mittelalterlichen Dombaumeister den Salomonischen Tempel an, der als ein Abbild des Paradieses galt, ein Symbol für Ganzheit und Vollkommenheit. Man kann die Dome also als steingewordenen Ausdruck eines geistigen Gebäudes ansehen, als einen Versuch, einem inneren Erleben, einer Vorstellung von etwas überirdisch Vollkommenen materielle Form zu geben. Bei diesem Idealtypus hatten geometrische Figuren und Zahlenverhältnisse große symbolische Bedeutung. Im Grunde wollten die Baumeister etwas völlig Verrücktes: Sie wollten den Himmel auf die Erde holen, wenigstens als Modell. Auch dieses Gedankengut sollte natürlich nicht jedermann zugänglich sein und unterlag der Geheimhaltung.

Schon seit dem Altertum wurde jedes Handwerk als "heiliges Tun" betrachtet: Der Handwerker schafft etwas Neues und ahmt damit, so glaubte man, den ursprünglichen Schöpfungsakt der Welt nach. Das traf ganz besonders zu auf die Handwerker, die einerseits mit Metall arbeiteten, die Erzgießer und Schmiede, und andererseits die, die mit Stein arbeiteten. Erz und Stein galten als Symbole des Göttlichen und Unvergänglichen. Deshalb hatten diese beiden Handwerke, das der Schmiede und das der Steinmetze, schon immer eine Sonderstellung und wurden mehr als "Kunst" denn als Handwerk angesehen. An die Ausübenden wurden besondere Anforderungen hinsichtlich ihres Lebenswandels und der Befolgung ethischer Gebote gestellt.

Aus dieser Tradition stammen neben der Geheimhaltungspflicht auch die meisten Symbole der Freimaurer: Der schon erwähnte Lederschurz, den sie heute noch tragen, erinnert an den Arbeitsschurz der Steinmetzen. Die drei Grade von Lehrling, Geselle und Meister wurden aus dem Handwerk übernommen, aber auch, dass man ein Gesellen- und ein Meisterstück anfertigen muss, heute in Form eines Vortrags über die Symbolik des jeweiligen Grades, oder dass man als Meister eine "Zeichnung auflegt", wie früher der Baumeister einen Bauplan erklärte, einen Bauplan, den er mit Winkelmaß und Zirkel gezeichnet hatte, den beiden bekanntesten Symbolen der Freimaurer. Dass man einen Stein so bearbeiten muss, dass er sich sinnvoll in das Dombauwerk einfügen lässt, bedeutet für die heutigen Freimaurer im übertragenen Sinn, dass man an sich selbst arbeitet und das eigene Ich so zu vervollkommnen versucht, dass man ein nützliches Glied in dem symbolischen "Tempel der Humanität" sein kann, das seinen Beitrag leistet zu einer menschlicheren Welt.

Da in den Dombauhütten die Aufnahmezeremonien ebenso wie die geheimen Kenntnisse nur mündlich überliefert wurden, wissen wir wenig, wie weit sie unseren heutigen Ritualen entsprachen und ob sie bereits damals schon den Einfluss der antiken Mysterien- und Initiatenbünde erkennen ließen. Die ältesten geschriebenen Rituale, meist Verräterschriften, stammen aus dem 18. Jahrhundert, und bei diesen wie auch in den heutigen Ritualen ist das Vorbild der antiken Mysterien unverkennbar.

Auch über die Mysterienbünde - wie etwa in Griechenland in Eleusis oder die Pythagoräer, in Ägypten die Isis-Mysterien, in Persien der Mithraskult - wissen wir nicht allzu viel, denn auch bei ihnen bestand Schweigepflicht für die Eingeweihten. Hier hatte das Schweigen wohl den Sinn, zukünftigen Kandidaten nicht durch zuviel Vorwissen das spontane Erlebnis der Initiation zu schmälern, aber sicher auch die Gruppenzusammengehörigkeit zu stärken. Verschwiegenheit galt aber auch als eine Tugend, die mit Selbstdisziplin zu tun hat.

Ziel der Mysterienkulte war die Hinlenkung zu einer Lebensführung in Harmonie mit den kosmischen Gesetzen. Die Mysterien waren immer mit einem Mythos verbunden, der Erzählung einer heiligen Geschichte, meist der Schöpfungsgeschichte, deren einzelne Episoden und Geschehnisse als Vorbild für das menschliche Verhalten und Handeln dienen sollten und die daher nacherlebt und wiederholt werden müssten, um die Wahrheit sozusagen am eigenen Leib zu erfahren. Nur so, glaubte man, kann der Mensch dem Göttlichen näher kommen. Und diese Wiederholung geschieht im Ritual. Nach Mircea Eliade ist der Mythos die einzig gültige Offenbarung der Wirklichkeit, und jedes Ritual stellt die Wiederholung der ursprünglichen Schöpfungstat dar, die den Ausführenden mit den kosmischen Kräften des Ursprungs und Anfangs wieder verbindet. Das war ein Gedanke, der sehr verwandt war mit dem, wie die Steinmetzen ihr Werk ansahen: als einen Schöpfungsakt.

Auch wenn wir wenig konkrete Zeugnisse haben, was bei den antiken Mysterien abgelaufen ist, lässt sich das doch an manchen alten Bauwerken fast ablesen. Ich selbst kenne am besten den Asklepiostempel auf der Insel Kos, den ich einmal mit einer Gruppe homöopathischer Ärzte besucht habe. Wir haben damals versucht, das von dem Bauwerk vorgegebene Ritual dort nachzuvollziehen. In der folgenden Beschreibung versuche ich die Parallelen zum freimaurerischen Ritual aufzuzeigen: Es gibt zunächst - wie auch von Eleusis bekannt - einen Prozessionsweg; d.h., das Sich-bewusst-auf-den-Weg-Machen ist ein wesentliches Element einer Einweihung (in der Freimaurerei die Vorbereitungsphase des "Suchenden"). Vor dem Tempel befand sich ein Reinigungsbecken: Äußere Reinigung bedeutet auch Reinigung der Gedanken. (Für die Reinigung steht bei den Freimaurern das Anlegen der weißen Handschuhe.) Ehe man in den Tempel durfte, wurde man von der Türwache geprüft und hatte dort schon die Frage zu formulieren, die man an die Gottheit stellen wollte, und diese Frage musste genügendes Gewicht haben. Die Fragen werden wohl die gleichen gewesen sein wie seit Menschengedenken bis heute: Wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen, warum wir hier sind, - Fragen, die auch die Freimaurer umtreiben und die mit dem Delphischen wie auch freimaurerischen "Erkenne Dich selbst" nur in eine Aufforderungsform gebracht, aber nicht beantwortet sind. Im Asklepion stieg man dann die Stufen zur ersten Plattform empor mit zwei Altären, einem rechts und einem links, einem für den Gott und einem für die Göttin, auf denen je ein Opfer darzubringen war: Symbol für die Anerkennung der Dualität unserer Welt, die aus weiblich und männlich, oben und unten, Nacht und Tag, warm und kalt, dunkel und hell, Gefühl und Verstand usw. besteht und für die die Freimaurer als Symbol zwei Säulen vor ihrer Tempelpforte haben. In Kos durfte man erst nach diesem Opfer zum eigentlichen Tempel hinaufsteigen, wo man im Tempelschlaf in einer Vision die Antwort auf seine Frage erhielt und die so genannte "Schau" der Gottheit erfolgte.

Spekulative Freimaurerei und Aufklärung

Initiatische und Bauhüttentradition flossen also in der Freimaurerei zusammen. Durch die Reformation und Säkularisierung ging die Zeit der großen Dombauten langsam zu Ende, viele Klöster wurden geschlossen und die Dombauten eingestellt. Die nun arbeitslosen Maurer hatten aber soziale und finanzielle Verpflichtungen, z.B. hatte die Bruderschaft für kranke Mitglieder oder für Witwen und Waisen ihrer verstorbenen Mitglieder zu sorgen. Deshalb nahmen sie bereits im 17. Jahrhundert so genannte nicht operative, d.h. nicht handwerklich tätige Maurer auf. Diese "angenommenen" Maurer werden auch "spekulative", d.h. ausschließlich geistig arbeitende Maurer genannt, die nun an dem geistigen Tempel der Menschheit bauten. Sie sollten einerseits die Kassen aufbessern, aber andererseits letztlich auch das Fortbestehen der Tradition der Bauhütten garantieren. Viele Intellektuelle fühlten sich von den Maurerbruderschaften angezogen, die allmählich ganz von diesen übernommen wurden.

Die ersten Logengründungen im heutigen Sinne fanden im Zeitalter der Aufklärung statt, in dem die Menschen dem Verstand oberste Priorität einräumten. Man glaubte damals, das Wesen des Menschen sei die Vernunft, und sie sei die letzte Instanz, die über die Wahrheit von Erkenntnissen entscheidet. Dieser Glaube an die Vernunft führte aber auch direkt zur Forderung nach religiöser Toleranz, nach Gleichstellung aller Menschen, nach persönlicher Entfaltung und Freiheit, zur Formulierung von Menschenrechten und Achtung vor der Menschenwürde, zum Humanismus, d.h. all der Ideale, die sich die Freimaurer auf die Fahnen geschrieben haben und die sie subsummieren unter den Schlagwörtern "Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit". In dieser klaren Formulierung sind sie ein Erbe der Aufklärung, und ihr verdanken die Freimaurer die betont rationale Komponente, die der Freimaurerei ebenso innewohnt wie die spirituelle des Rituals.

Versuch einer Definition

Freimaurerei ist also einerseits ein ethischer Bund, der den humanitären Gedanken der Aufklärung verpflichtet ist, also etwas durchaus Rationales und nach außen Gerichtetes, und andererseits eine Initiatengemeinschaft, die rituelle "Einweihungen" durchführt, also eine Gemeinschaft zur geistigen und spirituellen Weiterentwicklung des einzelnen Mitglieds, etwas, das das persönliche Gefühl und Erleben anspricht, - zwei sehr unterschiedliche Dinge. Außerdem ist jede Loge natürlich auch eine aus Menschen bestehende Gruppe und durch das gemeinsame rituelle Erleben und die sie verbindenden Ideale ihrer Lebenseinstellung ein Freundeskreis. Alle drei Facetten gehören zusammen und bedingen einander, aber wo jede/r Einzelne seinen Schwerpunkt setzt, - ob es ihm vor allem um die Verbreitung ethischer Werte in der Gesellschaft geht oder eher um seine eigene geistige Entwicklung oder ob für ihn das Eingebundensein in einen Kreis von Gleichgesinnten wichtig ist, - bleibt ihm überlassen, und z.T. wird sich die Gewichtung auch innerhalb seiner Lebensphasen etwas ändern. Deshalb ist es so schwierig, eine kurze und verbindliche Definition zu geben, was Freimaurerei eigentlich ist.

Es gibt in der Freimaurerei kein Dogma, keine "Vordenker", niemand bestimmt, wie was zu deuten ist und wie die Akzente zu setzen sind. Es sagt einem auch niemand, wie das Diesseits und das Jenseits beschaffen sind, und keiner nimmt einem die Denkarbeit für eine eigene Weltsicht ab, sondern man bekommt als Freimaurer immer wieder nur die Aufforderung, selbständig zu denken und sich selbst seine Meinung zu bilden, entsprechend dem Kantschen Kernsatz der Aufklärung: "Sapere aude!", "Wage zu wissen", "Trau dich, deinen eigenen Verstand zu gebrauchen!" Insofern ist Freimaurerei eine ziemlich unbequeme Sache. Gurus, die fertige Konzepte für die geistige Orientierung auf dem Tablett servieren, hat die Freimaurerei nicht zu bieten.

Heutige Bedeutung

Freimaurerei ist auch heute noch sehr viel mehr als ein Verein zur Pflege einer alten Tradition. Es ist fast banal, darauf hinzuweisen, wie dringend notwendig die Verbreitung der Ideale der Humanität und Toleranz immer noch ist: Die aktuellen Ereignisse haben es uns gerade wieder vor Augen geführt. Die Menschenrechte sind noch längst nicht überall auf der Welt verwirklicht, von gegenseitiger Achtung und Toleranz von Andersdenkenden mit anderem kulturellen und religiösen Hintergrund ganz zu schweigen.

Freimaurer gibt es - außer in totalitären Staaten, wo frei und selbstständig denkende Menschen immer als Gefahr angesehen wurden und sie deshalb verboten waren und werden - in fast allen Ländern der Welt. D.h. überall in der Welt können sich Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft und Kultur mit den Idealen der Freimaurerei identifizieren und versuchen, sie in ihrem Leben zu verwirklichen. Freimaurerei war nie eine Massenbewegung, sondern es sind immer nur die einzelnen Freimaurer, von deren Lebenseinstellung vielleicht etwas auf ihre Umwelt abfärben könnte. Es hat zwar auch immer wieder einmal ein paar Freimaurer gegeben, die in Positionen waren, wo sie große Veränderungen dieser Welt mitgetragen haben: etwa die ersten amerikanischen Präsidenten, die die eindeutig freimaurerisch geprägte amerikanische Verfassung formulierten, oder die Freimaurer, die in der französischen Revolution eine Rolle spielten. Aber auch sie handelten immer als Person und nicht für die Institution Freimaurerei, die selbst nie als Verband politisch aktiv wird. Das Gros der Freimaurer, das so gar keinen Einfluss auf das große Weltgeschehen hat, vertritt die Meinung, dass die Welt aus lauter Einzelpersonen besteht, von denen jeder sein kleines Stück dazu beiträgt, wie diese Welt beschaffen ist und wie Menschen miteinander umgehen.

Freimaurer "arbeiten" immer: bei Tempelarbeiten, an ihrem rauen Stein, an sich selbst. Sie tun es in der Gemeinschaft gleichgesinnter Wegbegleiter mit Hilfe ihres Rituals, das ihnen immer wieder als Ausrichtung auf das Wesentliche, auf die Selbsterkenntnis, dient. Selbsterkenntnis ist die Grundlage auch für die Beziehung zur Welt. Selbsterkenntnis ist nicht die eigene Nabelschau, sondern auch das Erkennen des eigenen Eingebundenseins in eine höhere Ordnung, das lebenslange Suchen nach dem "Licht" der Wahrheit, d.h. Freimaurer sind "Lichtsucher", Erkenntnissucher. Vielleicht sie sind auch Träumer mit der Vision von einer besseren Welt, aber Träumer, die versuchen, ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen, so wie ihre Vorfahren, die Dombaumeister, ihre Kathedralen materiell in dieser Welt bauten als ein Abbild des Himmels. Der Traum, dass einmal "alle Menschen Brüder" werden könnten, die friedlich und in gegenseitiger Achtung miteinander auf dieser Welt leben, ist zwar so alt wie die Menschheit, aber auch heute noch längst nicht ausgeträumt und entspricht der Sehnsucht auch des modernen Menschen.

Das "Geheimnis"

Das viel zitierte Geheimnis, das die Freimaurerei in der Öffentlichkeit immer wieder vermeintlich interessant und spannend, aber zeitweise auch verdächtig gemacht hat, reduziert sich heute allenfalls auf eine Übung in Selbstdisziplin und Höflichkeit, nicht über vertraulich mitgeteilte Dinge zu plaudern, - keine außergewöhnliche Verpflichtung für einen zivilisierten Menschen. Über die Freimaurerei selbst kann man alles erzählen, und Freimaurer tun das auch gern, wenn sie ernsthaftes Interesse spüren und nicht befürchten müssen, man wolle sich eigentlich nur wieder einmal über sie lustig machen (was bei oberflächlicher Betrachtung sehr leicht ist). Trotzdem bleibt ein Restgeheimnis, das niemand verraten kann: Was jeder einzelne bei einer rituellen Tempelarbeit empfindet, bleibt immer sein persönliches Geheimnis, das er noch nicht einmal seinen Schwestern und Brüdern mitteilen kann. Es gibt Dinge, die mit Sprache nicht kommunizierbar sind. Man kann weder jemandem schildern, wie es ist, wenn man verliebt ist, noch was man empfindet beim Hören einer Mozart-Symphonie. Und so bleibt auch das persönliche Erleben des Rituals das eigentliche Geheimnis jedes Freimaurers.

Dazu noch eine Legende um den Baumeister Hiram: (Wie schon erwähnt, war der Salomonische Tempel das große Vorbild für die alten Dombaumeister, und deshalb ranken sich viele freimaurerische Legenden um diesen Bau und um seinen angeblichen Baumeister Hiram.) Als der Salomonische Tempel kurz vor der Vollendung stand, wurden die Zier- und Ritualgegenstände aus Erz gegossen. Dabei zersprang eine Form, das glühende Metall floss aus, und es brach ein großes Feuer aus. Es breitete sich bedrohlich aus, sodass große Gefahr bestand, dass es den Tempel wieder zerstört hätte. Alle Anstrengungen, es zu löschen, schlugen fehl, - bis Hiram selbst sich in das Feuer begab und es damit zum Verglimmen brachte.

Das ist nun keine Empfehlung, ins Feuer zu gehen, aber die Legende will sagen: Wenn man etwas wirklich verstehen, in seinem Wesen erfassen und es beherrschen will, muss man sich hineinbegeben. Man kann viel Theoretisches über das Feuer lesen, wenn man nie eines gesehen und seine Hitze gespürt hat, weiß man wenig über das Feuer. Und man kann sich viel erzählen lassen und viel lesen über die Freimaurerei (es gibt viele Bücher und Internetpräsentationen), aber wenn man sie wirklich ganz verstehen will, wird man auch hier an den Punkt kommen, wo man sich selbst hineinbegeben und sich darauf einlassen muss.

Infos zur Autorin: Sr. Helga, geb. 1933, ist homöopathische Ärztin in München und Gründungsmitglied der "Neuen Werkstatt".