Vorträge

Um die Vielfalt der Freimaurerei und ebenso die Vielfalt unserer Loge zu illustrieren, haben wir hier einige auf Gästeabenden gehaltene Vorträge zusammengestellt. Wir weisen darauf hin, daß jeder Freimaurer seine ganz persönliche Sicht auf die Freimaurerei hat - die im folgenden geäußerten Meinungen sind also keine Dogmen, sondern die persönlichen Auffassungen des jeweiligen Autors. Sie können somit auch der Meinung eines anderen Bruders bzw. einer anderen Schwester widersprechen - sie sind also immer offen für Kritik und konstruktive Diskussionen.

"Melencolia I" von Albrecht Dürer, Kupferstich, 1514

Gästabend vom:

05.06.2009Gotische Dombauhütten
11.04.2008Toleranz im Islam
07.09.2007Die Bearbeitung des Steines
13.04.2007Vortrag zur Lichteinbringung
16.02.2007Das Ritual - Relikt, Notwendigkeit oder Tor zu Höherem?
21.04.2006Humanität und Freimaurerei
19.05.2005Toleranz und Freimaurerei
04.12.2004Das weibliche und das männliche Prinzip in der Freimaurerei
28.09.2004Ist Geiz geil?
25.03.2004Freimaurerei zwischen Tradition und Fortschritt
18.10.2002Die Freimaurer: Ein alter Weisheitsbund für die moderne Zeit

Das Ritual - Relikt, Notwendigkeit oder Tor zu Höherem?

von Sr. Christiane

Die allererste Frage, die der Besucher eines Gästeabends einer Freimaurerloge wohl hat, ist häufig: "Was machen Freimaurer eigentlich?" Freimaurer lieben, offensichtlich ersteinmal, die Diskussion über philosophische und gesellschaftliche Themen. Das erlebt man ja dann im Verlaufe des Abends. Aber was machen Freimaurer, wenn sie "unter sich" sind, wenn keine Gäste dabei sind? Na, sie diskutieren noch mehr, trinken noch mehr, rauchen noch mehr, und ... Da hört man dann den Begriff "Tempel" und "Arbeit" - und irgendetwas von Ritualen... Also gibt es in der Freimaurerei feste Rituale? Ja, die gibt es. Genau genommen ist ein Ritual, die sog. "Tempelarbeit" das Herzstück einer Loge. Neben den Gästeabenden, gelegentlichen organisatorischen oder freundschaftlichen Treffen trifft sich eine Freimaurerloge einmal im Monat zur Tempelarbeit. Diese findet dann auch an einem dafür besonders eingerichteten Raum, dem "Tempel" statt, und besteht im Wesentlichen aus einem festgelegten Ritual.

Dieses Ritual aber hat sich die Loge nicht selbst ausgedacht, sondern es folgt der freimaurerischen Tradition: es ist überall auf der Welt in allen Logen in den wesentlichen Elementen gleich, und existiert auf diese Weise seit den Anfängen der Freimaurerei, also seit mind. 300 Jahren. Sind die Freimaurer dann also in erster Linie ein Traditionsverein? Haben die Rituale für Freimaurer nur rein traditionelle Bedeutung?

Dazu möchte ich ersteinmal den Begriff "Ritual" ganz allgemein betrachten. Was genau ist ein Ritual? ad definitionem: Ein Ritual ist eine feierliche oder festliche Handlung, die nach festgelegten Regeln abläuft und einen hohen Symbolgehalt hat. Sie wird häufig von bestimmten Wortformeln begleitet und kann weltl. od. religiöser Art sein. Der Ablauf erfolgt nach einer festgelegten Ordnung, dem Zeremoniell.

Das heißt in unserem Fall, für uns Freimauer: wir treffen uns in regelmäßigen Abständen, einmal pro Monat, an einem bestimmten Ort, dem Tempel, und feiern ein Ritual nach einer traditionell festgelegten Ordnung. Dazu gehören: immer wiederkehrende Wortlaute, Wechselgespräche, eine festgelegte Rollenverteilung, bestimmte Handlungsabläufe, eine musikalische Umrahmung. Dazu gehört auch, daß wir uns besonders gut kleiden, schwarzer Anzug oder als Frau z.B. einen schwarzen Rock oder andere festliche Kleidung und daß wir spezielle, nur für die Zeit im Tempel zu tragende, freimaurerische Kleidungsstücke anlegen.

Wir pflegen damit die Tradition. Aber warum bedeutet uns die Freimaurerei noch um so viel mehr, als nur Traditionspflege?

Weil das Ritual für uns keine nur überlieferte, aber nun sinnentleerte oder überholte Praktik darstellt, sondern uns jedesmal ganz persönlich und ganz aktuell betrifft und anspricht. Das ist eine der großen Stärken der Freimaurerei. So alt unsere Rituale auch sein mögen, so besitzen sie doch eine immer wieder verblüffende Universalität und damit Aktualität. Die rituellen Handlungen und Wortlaute, aber v.a. die Symbole, die eine zentrale Rolle im Ritual spielen, offenbaren ihre Komplexität manchmal erst nach dem dritten oder zehnten oder hundersten Hinschauen. Manchmal sitzt man als Freimaurer im Tempel, und plötzlich gewinnt ein einzelnes Symbol, das man schon hundertmal gesehen hat, oder ein einzelner Satz, den man schon hundert Mal gehört hat, eine derartige persönliche Bedeutung, weil es im dem Moment zu einer bestimmten Lebenssituation so treffend paßt, das einen diese Erkenntnis noch lange nach der Tempelarbeit beschäftigt und begleitet.

Solch eine Tempalarbeit ist also auch ein Ereignis, der sich vom Alltag abhebt, das den alltäglichen Lauf der Dinge unterbricht, und Zeit und Raum bietet, einmal über sich selbst nachzudenken, zu meditieren, Inspiration zu finden oder auch, um mit sich einmal ins Gericht zu gehen. Aber all dies ist kein Zwang, sondern eine Chance, die dem einzelnen Bruder, der einzelnen Schwester selbst überlassen bleibt. Auch inspiriert das Ritual und das Denken in Symbolen zu einer erweiterten Sicht der Welt und des eigenen Selbst, strukturiert sie anders und erleichtert es damit oft, seine Gedanken einmal von einer anderen Seite zu sehen und neue Gedanken zuzulassen.

Doch dies ist nur die intellektuelle Seite. Was man hier aber nicht vernachlässigen darf, ist die emotionale Seite einer Tempelarbeit. Natürlich spricht diese auch emotional an. Denn das freimaurerische Ritual hat wesentlich auch eine wichtige spirituelle Seite. Eine spirituelle Seite, die nicht im Sinne von Religion verstanden werden darf, sondern eine elementar menschliche ist. Deshalb ist Freimaurerei auch keine Religion, da sie keine Dogmen und Glaubensgrundsätze vorgibt, sondern den Menschen auf einer universellen spirituellen Ebene anspricht. Aus diesem Grunde kennt die Freimaurerei auch keine Bindung an irgendeine Religion - Menschen aller Glaubensrichtungen, Christen, Juden, Muslime, Hindus usw.usw. und selbst Atheisten auf der ganzen Welt sind Freimaurer, ohne das dies ihren religiösen Auffassungen widerspräche.

Das freimaurerische Ritual ist also auch ein Element, Menschen als "Brüder" und "Schwestern" untereinander verbindet. Zuerst innerhalb der eigenen Loge, dann aber auch über die Loge hinaus, mit anderen Schwestern und Brüdern auf der ganzen Welt. Was uns verbindet, ist nicht etwa ein Ausweis oder ähnliches, sondern die Rituale und die Ideale, die wir gemeinsam haben. Überall auf der Welt kann ich als Freimaurer in eine Loge, zu einem Ritual gehen, und werde die vertrauten Elemente wiederfinden.

Keine der beiden oben beschriebenen Seiten, weder die intellektuelle, noch die spirituelle, haben in der Freimaurerei einen Überhang. Sowohl das rationale als auch das emotionale Bedürfnis werden im Ritual angesprochen. Beide befinden sich im Gleichgewicht. Dies war für mich ganz persönlich einer der Hauptgründe, Freimaurer zu werden. Von Natur aus ein sehr spiritueller Mensch, habe ich dennoch einen sehr kritischen Geist. In intellektuellen Gesprächszirkeln vermißte ich die sprirituelle Seite, in der Kirche kollidierte das spirituelle Empfinden ständig mit meinem kritischen Denken. Als ich dann begann, mich mit Freimaurerei zu beschäftigen, war ich verblüfft und erfreut, hier beide Seiten vereint zu finden, zu einem harmonischen Ganzen, und nicht als Gegensatz. Und dabei war ein freier, kritischer Geist nicht verboten, sondern sogar gewollt. --

Was ist nun der Unterschied zwischen einem kirchlichen Ritual (einem Gottesdienst oder einer Messe) und einer freimaurerischen Tempelarbeit? Auch in der kirchlichen Liturgie gibt es Rituale, die spirituell ausgerichtet und z.T. auch intellektuell fordernd sind, die eine lange Tradition haben usw.

Es gibt einige Unterschiede: zum einen findet eine Tempelarbeit nicht als frontale Veranstaltung statt wie in der Kirche, wo einer (nämlich der Pfarrer oder Priester), über dem Rest der Teilnehmenden steht und als einziger die ganze Zeit redet und die Zeremonie leitet. Im Freimaurertempel reden unterschiedliche Personen im Wechsel, und keiner steht "erkenntnismäßig" allein über all den anderen. Jeder der Schwestern und Brüder ist sowohl räumlich, als auch inhaltlich und funktional "mittendrin" und agiert und interagiert gleichberechtigt mit den andern. Eine Tempelarbeit ist also keine frontale "Lehrveranstaltung", sondern ein ritueller Raum, der in alle Richtungen geht, nicht nur in eine; bei dem jeder seinen Teil beiträgt und einbringt und kein einzelner "Recht hat" oder "Unrecht". Eine Tempelarbeit ist im wahrsten Sinne des Wortes ein gemeinschaftliches Erleben. Somit läßt eine Tempelarbeit den einzelnen Bruder, die einzelne Schwester auch nicht gleichgültig. Man geht nicht nur hin, und "läßt es über sich ergehen", um dabeigewesen zu sein oder gesehen worden zu sein. Sondern jeder ist gefordert, jeder beteilgt sich geistig und spirituell, und begreift das Ritual als einen jedesmal wieder besonderen, persönlichen und (auf seine Art) heiligen Moment. Betrachtet man es genau, so ist die Freimaurerei die einzige nichtkirchliche, nicht institutionalisierte, aber trotzdem spirituell ausgerichtete alte Rituskultur des Abendlandes.

Das definiert auch, warum es so schwierig ist, die Freimaurerei nach außen hin zu erklären. Wir sind es heute in unserer hoch-verschriftlichten Gesellschaft gewohnt, alles nachlesen zu können, alles über Worte erlernen und ausdrücken zu können. Deshalb meinen wir auch, ALLES müsse sich mit Worten beschreiben lassen. Doch dies ist eine Illusion, die in der Sprachphilosophie schon lange Grundkonsens ist: denn Worte und Begriffe sind menschen-gemachte Zeichen, und sie haben, wie alle menschlichen Produkte, ihre Schwachstellen und Grenzen. Ganz explizit die Emotionen lassen sich mit Worten oft nur teilweise oder gar nicht beschreiben. Gleiches gilt für spirituelle Erlebnisse. Dem Lernen über Sprache muß ganz klar die praktische Erfahrung über das gefühlte Erlebnis gegenübergestellt werden. Somit kann man zwar vieles über Freimaurerei sagen und lesen, aber ihre emotionale und spirituelle Seite hat man damit nicht erfaßt. Selbst wenn man sämtliche Bücher über Freimaurerei gelesen und stundenlang im Internet die einzelnen Rituale studiert hat, ist man damit immer noch kein Freimaurer. Das wird man erst, wenn man durch das Ritual von anderen Freimaurern "eingeweiht" wird.

Initiation

Das macht die Freimaurerei nach außen hin auch so "geheimnisvoll", denn damit ist sie ganz klar eine Arkandisziplin, ein Einweihungsritus, der eben im Ritual eine gelebte Tradition bewahrt, die sich nicht verschriftlichen oder einfach nachlesen läßt. -- Und eben an bestimmten Punkten nicht mehr mit Worten erklärbar ist.

An diesem Beispiel möchte ich noch darlegen, was ich mit der "Universalität" der Freimaurerei meine. Seit der Aufklärung gibt es eine sich immer weiter radikalisierende Tendenz zur absoluten Vorrangstellung der Vernunft, dem rationalen Denken im menschlichen Sein und Handeln. -- Diese Tendenz steigerte sich bis in die Mitte des 20. Jh. hin zum absoluten Primat der Vernunft, Emotionen galten als "evolutionsgeschichtlicher Balast". Damals konnte man mit gutem Recht behaupten, solch abergläubisches Tun wie Rituale abzuhalten, sich spirituell weiterzubilden, oder an eine dem Menschen nicht ersichtliche höhere Macht zu glauben usw. sei hoffnungslos veraltet, ja mittelalterlich. Damals hätte man auch der Freimaurerei ohne weiteres eine gewisse "Altertümlichkeit" und "Verstaubtheit" bescheinigt.

Doch was passierte dann gegen Ende der neuziger Jahre? Eine enorme spirituelle Sinnsuche setzte ein, die sich so nicht hatte vorhersehen lassen, und plötzlich gab beinahe jeder zu, daß es "da ja noch was geben müßte" und ihm die emotional-spirituelle Seite des Lebens doch irgendwie fehlen würde.

Selbst in der zeitgenössischen Philosophie und Soziologie beginnt man heute zuzugeben, daß Ratio allein nicht alles ist, was den Menschen bestimmt, und das Gefühle, Intuition, Rausch und Spiritualität usw. sogar positiv und wichtig sein könnten. Sie werden plötzlich zum Forschungsgegenstand.

Hier hat sich, interessanterweise, die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre wieder dem in der Freimaurerei schon immer vorhandenen universelleren Standpunkt zugewand, und plötzlich ist die Freimaurerei wieder spannend, gestern noch "veraltet", ist ihr über die Zeiten hinweg überliefertes Gleichgewicht zwischen Ratio und Emotion, zwischen freiem, kritischem Geist und spirituellem Empfinden, heute so aktuell wie nie.

Infos zur Autorin: Sr. Christiane, geb. 1980, studiert Philosophie und Germanistik an der Universität Leipzig und ist seit 2003 Mitglied der "Neuen Werkstatt".